Vom Hören (Teil 2)

by ikreidler

Der größte lebende Komponist zeitgenössischer Orchester und Filmmusiken, Giya Khancheli, war bei mir zu Besuch. Wir fuhren den halben Tag durch die Stadt, weil er mit seinem Sohn, für seinen Sohn und dessen Familie eine Wohnung in Köln suchte. Er stieg mit Mühe aber ohne zu Jammern Etage um Etage hinauf und wieder hinunter, er steuerte den Mercedes, er sprach wenig. Später, in unserer Wohnung, schlug Sandro vor, ich solle seinem Vater meine Musik vorspielen. Frühe Mitte der 2000er Jahre, Eve Future war das aktuellste Album. Die Abhörsituation war alles ausser optimal. Eine Box stand auf der Regalfläche eines offenen Wandschrankes, die andere in ungefähr gleicher Höhe auf einem hölzernen Schubladenelement. In der linken der schwarz besamteten Lautsprecher – zwei mal Bass einmal Höhe in D’Appolito-Anordnung – hatten wir während der Produktion eines Kreidlerremixes den Tieftöner beschädigt. Aber hier stand der Cd-Player. Und ein leichter warmer Nachhall im Raum machte das Hören angenehm. Giya Khancheli nahm sich einen Stuhl aus der Küche, trug ihn in den Nebenraum und setzte sich. Vor den Verstärker, einen halben Meter Abstand, in etwa mittig zwischen die Boxen.
Ich drückte die Playtaste und trat zur Seite, hinter ihn. Er sass vor dem Verstärker, in etwa mittig zwischen den Boxen und hörte sich das Album an. Gehobene Zimmerlautstärke. Fünfundzwanzig Minuten. Aufmerksam, in einem Niemandsland zwischen Entspannt und Angespannt. Ich wagte kaum zu atmen, um die konzentrierte Stimmung im Raum nicht zu stören. Mir war feierlich zu Mute, Möbel verschwanden. Giya Khancheli sprach nicht, nur bei Reflectuum meinte er kurz, die Pizzicato-artigen Sounds von links seien etwas zu laut. Was vielleicht auch an dem defekten Speaker lag.

Das Berghain. Wer einmal im Berghain war, will nie wieder woanders hin. Im Berghain regiert der Bass. Aber auch die Mitten, aber auch die Höhen. Und alles dazwischen. Und unter dem Bass schält sich deutlich ein weiterer Bass heraus. Der Boden vibriert. Dein Bauch vibriert. Die riesigen Fensterscheiben aber schwingen lautlos mit. Transparence. Echo, Delay alles sichtbar. Alles beschreibbar. Mit dem ganzen Körper. Alles klingt gut. Ist die Halle leer, klingt sie gut. Ist die Halle voll, klingt sie gut. Die Faulheit der faulen Soundtechnikerausrede, wartet, wenn erst mal Leute da sind, klingt es gleich viel besser, entlarvt sich hier in aller Deutlichkeit. Wenn ich wirklich will, dass mein Raum gut klingt, dann werde ich das auch erreichen.

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