Vom Hören (Teil 3)

by ikreidler

Der Klang einer Klarinette ist ein besonderer. Und der Weg zum perfekten Klarinettenklang ein steiniger. Eine deutsche Manufaktur befindet sich in der Elitegruppe der internationalen Werkstätten. Die Unternehmensphilosophie ist eine einfache: wir wollen die beste Klarinette der Welt produzieren. Kein Verfahren gilt als zu ungewöhnlich, Sackgassen und Irrwege dienen der Grundlagenforschung, experimentelle Abteilungen beschäftigen Spitzenkräfte aus allen wissenschaftlichen Bereichen.
Ein Mitarbeiter war lange in Afrika unterwegs bis er in einem Nomadenstamm fündig wurde. Er konnte ein Zwillingspärchen, Junge und Mädchen, Anfang zwanzig, für die Firma werben. Das Nomadendasein war ein beschwerliches, große Teile des Landes lagen brach und dürr, das Leben war karg, Kriege, Nationalismen, Xenophobien taten ihr übriges. Nach Europa lockte kein zweifelhaftes Schillern, sondern das konkrete Angebot einer Anstellung in einem Betrieb der Musikindustrie.
Der Raum war eher klein, fensterlos, unter 20 Quadratmetern. Eine Sprossenwand und drei blaue Turnmatten. Darauf tobten und wälzten sich die Zwillinge, elastisch, muskulös, schienen sich zu verknoteten, zu umgarnen, dann wieder abzustossen. Es gab keine ersichtlichen Regeln, mal ähnelte es einer adoleszenten Rangelei, mal einem Capuera, mal einer Szene aus einer Merce Cunningham Choreographie. Momente hektischer Aktivität folgten meditativen Ruhephasen. Ein Mann in olivfarbener Firmentracht klopfte dabei ihre Körper ab. Mit seinen Händen, mit seinen Fäusten, mit seinen Fingerknöcheln. Auf einer grünen Linoleumtafel notierte ein weiterer Mitarbeiter mit dunkelblauer Kreide die Ergebnisse in einem Baumdiagramm.

Mit zwölf/dreizehn produzierte ich ein kleines handgeschriebenes Heft, Ohne Netz. Zeichnerei, Malerei, Gedichte in einem gerade-pubertierenden Gestus. Etwas über Dadaismus gelesen. Das zirkulierte dann in der Schule zwischen ein paar Freunden. Ohne Netz Nummer 3 sollte eine Audioausgabe werden. Ich hatte die alte Sharp-Kompaktanlage meines Vaters bekommen, und bespielte Kassetten, indem ich schnell zwischen Radiostationen hin- und herschaltete. Rauschen und Knattern am Ende des Frequenzbandes, scheinbar zufällige Melodien in Sinustönen. Mittelwelle, Langwelle, UKW. Ich nannte mich King Dada. Mein Freund Pogo Lola schlug vor, dass wir zusammen etwas aufnehmen. Auf diese Idee war ich noch gar nicht gekommen, ich hatte kein Mikrofon.

Auf dem Speicherboden seines Elternhauses bauten wir uns auf. Ein Fahrrad, ein Staubsauger, Hölzer, Bleche, Karton. Eine Clarina 12 Ton, die wir in die Speichen hielten. Texte aus Zeitungen, Gebrauchsanweisungen, was eben so rumlag. Meine erste Band, Mutual. Die erste Kassette war eine C120, Dow. Die Kollaps von Einstürzende Neubauten öffnete unsere Ohren. Wir mussten keine drei Akkorde können. Pop!

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