Parisvendémiaire

by ikreidler

Ein Wiedersehen mit Fred, alias Rubin Steiner, der Kreidler auf ihrer ersten Tour de France den Glauben an die Republique wieder geschenkt hatte.

Frankreich Tourneen hatten immer etwas besonders. Unsere erste fand bereits im Februar 1997 stand, in Folge von Weekend. Dafür kauften wir den Kreidler-Bus: einen VW Transporter, für viel Geld. Dafür sollte er uns aber auch bis Oktober 2004 ein treuer Begleiter sein (sein Gnadenbrot bekommt er im sonnigen Nigeria).

Das besondere an jener Tour war, dass uns ein dreiköpfiges Filmteam begleitete. In einem Extrawagen; zwei Kameramänner, eine Tontechnikerin. Dass mindestens zwei von ihnen fliessend französisch sprachen, war nicht zu unserem Nachteil. Der Dokumentarfilm verharrt leider bis heute in Rohschnittfassung (in einem Format, dass ich nicht ohne weiteres anschauen kann) – wie auch anders: Hajo ist zu einem begehrten Kameramann gewachsen, und als Regisseur dreht er nach einem wunderbaren, prämierten Erstlingswerk gerade seinen zweiten Film; Marcelo ist mittlerweile ein vielbeschäftigter Produzent mit eigener Firma, und Laura ist ausgebucht als Aufnahme-und Produktionsleiterin.
Die Tour damals fing vielversprechend an, in einem selbstorganisierten Künstler-Club in Paris Montreuil, organisiert von Philippe, dem Mann hinter A Contresens, das Label, das 1994 Riva veröffentlicht hatte. Wir hatten auch noch auf einen Kaffee bei der F-Com/Pias Dependance angeklopft, unserer Weekend-Plattenfirma in Frankreich; im FNAC suchten wir das Album allerdings vergebens.
Die Route führte uns weiter in die französischen Schweiz, nach Genf in den Music Mixer, auch das ein selbstorganisierter Ort mit wavigen, coolen Electrotänzerinnen. Yvonne hatte uns eingeladen; wir kannten sie aus Berlin, wo wir 1995 im Mutzek spielten, ihrem Laden auf der Invalidenstrasse, der später dem ersten Electro Herberge wurde. Von da an gings bergab. Das Pez-Ner in Dijon überzeugte zwar noch durch seine Vorliebe für radikale Bandes-Dessinées Künstler wie Bruno Richard, die Erinnerung an unseren Auftritt überstrahlt aber die unangenehme Begegnung mit dem französischen Tourmanager der Spaceheads, einem britischen Schlagzeug/Trompeten Duo auf Dauertournee, mit denen wir auch in Lyon spielen sollten; diesen Auftritt hatten wir aber bereits in Paris abgesagt; er wäre der letzte unserer Tour gewesen, die Konditionen, die natürlich nirgendwo besonders waren, gingen in Relation zu den zusätzlich zu fahrenden 900 Kilometern aber überhaupt nicht. Worauf uns der Tourmanager die Gage für Dijon nicht auszahlen wollte. Nach stundenlangen Diskussionen und körperlichem Ruppigerwerden, schmiss er das bisschen Geld schliesslich auf den Boden, spuckte und fluchte davon.
An Marseille keine Erinnerung, ausser dass sich die nette sechzigjährige Köchin („Isst er denn Kartoffeln?”) nach unserer Abreise ein vegetarisches Kochbuch kaufte; das Le Jimmy in Bordeaux, repräsentierte das mir nur noch in Frankreich bekannte Model der Rockpub Bar, niedrige Decken, dunkel, verraucht mit kleiner knackiger P.A., nicht unangenehm; sie hatten uns Jahre später erneut gebucht, also schlecht kann der Abend nicht gewesen sein. Am anschliessenden day-off spendierte Marcelo uns ein Hotel am Meer, unser erstes Formule 1. Die Begeisterung über dieses visionäre Stück Zukunft wich schnell der Ernüchterung, in einem ranzigen Plastikeimer gelandet zu sein, in dem nichts funktioniert, Knast und Knust in allen Ecken, kein Möbelstück zu bewegen, lebensfeindlicher Intensivkapitalismus; ein böser Jacques Tati Traum, die einzigen Menschen auf diesem Planeten ausser uns war frühmorgens die nordafrikanische Putzkolonne. Thomas wurde krank.
Angers danach der absolute Tiefpunkt, eine sakrotane Heavy Metalkneipe mit Indianerschmuck und Büffelschädel an der Wand; zehn Zuschauer vielleicht, vielleicht auch nicht; da wollte ich die Tour abbrechen. Mit vereinten Kräften wurde ich gehindert; Laura rief Fred an, den Lokalpromoter des Konzerts in Tours, und er versprach, alles würde wunderbar werden. So wurde es; ein niedliches mittelalterliches Städtchen, eine nette Privatunterkunft bei Fred und Fanny, ein Interview mit der Inrockuptibles, richtiges Catering, schliesslich ein super Laden, 300 begeisterte Zuschauer, die Band in Spiellaune, Zugabe folgte auf Zugabe.
Den nächsten Tag im Bus hörten wir nur die Cassette von Fred und Fannys Band Merz, sie spielten auch eine Kraftwerk-Coverversion; genug Trost, egal, was kommen mag in Chalons en Champagne; sogar Lyon wäre wieder drin gewesen. Das Le Contrepoint war ein Jugendzentrum, ein paar Jungs, die davor rumsprangen, halfen uns beim Ausladen und Bühne dekorieren; sie waren HipHop Fans, und da sie später neben dem Sozialarbeiter den Großteil des Publikums ausmachten, luden wir sie direkt auf die Bühne ein, „it’s é Freeestylè, it’s é Freeestylè” – leider ist ausgerechnet diese Aufnahme total übersteuert.

Der kalte Reis mit bunter, roher Paprika, Mayonnaiseglas und Ketschuptube auf dem Tisch überzeugte uns dann aber doch den Umweg über Lyon sein zu lassen.

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