„Kremlin rules” [6:33]

by ikreidler

Ich schrak auf. Ein ohrenbetäubendes Krachen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mich orientiert hatte. Sofia, früher Morgen. Da folgte ein zweiter Knall. Ich sass hellwach im Bett. Die Fenster vibrierten leicht. Nun ein Grollen, wie eine Feuersbrunst oder leisere, kleinere Explosionen. Am Vortag waren mir die Flugzeuge über der Stadt aufgefallen. Nichts Besonderes, aber plötzlich drängt sich ein Bild unangenehm in den Vordergrund. Ich wollte etwas Beruhigendes sagen, suchte nach Worten, sie kam mir zuvor, „vielleicht Abrissarbeiten.” Nicht, dass wir das glaubten. Ich griff nach meiner Uhr, halb sieben. Draußen blieb es still. Die streunenden Hunde schlugen nicht an. Heute nicht. Ich ging auf den Balkon. Grauer Himmel. Kein Mensch auf den Straßen. Keine Signalhörner, keine Einsatzfahrzeuge, überhaupt keine Fahrzeuge. Vielleicht doch Abrissarbeiten. Vielleicht etwas zu ruhig. In der Ferne bellt ein Hund. Das Grollen hält an.

Ich war völlig übermüdet und ging zurück ins Bett. Unruhig schlief ich ein. Ich wache auf, als sie aus der Dusche kam, ein Badetuch um den Körper, die Haare hochgesteckt. Es muss noch vor Mittag sein, ich befand mich in einem Dämmerzustand, halb wach halb schlafend. Von nebenan hörte ich Kinder und einen Fernseher. „Was war es jetzt?”, fragte ich. „Ein Test. Für das Raumfahrtprogramm Bulgariens”, antwortete sie. Ich dachte, viel zu nahe an der Stadt. „Der Abschuss der Raketen soll in Sofia erfolgen. Die Landung dann in Waldeck. Die Bulgaren sind abergläubisch, wenn die Rakete bei der Ladung von einem Mädchen gesehen wird…” ich unterbrach sie, „wo ist deine Kamera, gib mir schnell die Kamera!” Ich hatte zum Fenster rausgeblickt und sah tatsächlich die aufsteigende Rakete, sie fragte, „wofür?” – zu spät – ich konnte ihr gerade noch das in der grauen Wolkendecke verschwindende Triebwerk zeigen.

Es ist immer noch Vormittag, vielleicht eine halbe Stunde später, ich komme aus der Dusche. Nicht wirklich wach. Was war Traum? Ich will wissen, ob ich sie eben gefragt habe, was das für Explosionen gewesen wären. Sie verneint.

Sound of Wallpaper klebt an der Wand. Sie sagt, sie sei Künstlerin, sie mag die Löcher. Sie hängt Bilder davor. Ab. Die dünnen Stahlbeine ächzen unter der Last der dunklen, schweren Teppiche. Männerfreundschaft als Waffe. Italienische Futuristen eilen zu den Maschinen und feuern die russischen Avantgardisten an. Die Namen sind nichts weiter als müde Erinnerungen. Wo Aufbruch war, herrscht jetzt eine dumpfe Gewaltätigkeit. Ein stumpfes Stück Holz. Mitleidig werden sie belächelt. Das macht sie zornig. Man sollte sie nicht unterschätzen. Nicht schon wieder. Zwei schlechtgelaunte kleinwüchsige Trolle tanzen ein Rätselbild im dunklen Raum. Sie rudern mit ihren Armen, leuchten sich mit Taschenlampen an. Kichern gemein. Ihre Gesichter verbergen sie hinter selbstgebastelten Papiermasken mit dem Konterfei Rasputins. Sie verteilen Karten. Ein Spiel, bei dem man nur verlieren kann: Macht Sie Böse! Underscoring Helikopterpferde. Apokalypse, save me. Why don’t you sugar me?

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