Mask (Teil 1)

by ikreidler

Bei einem Nudelessen im Garten von Berghain wurde mir ein junger Journalist vorgestellt; er freute sich, mich endlich persönlich kennenzulernen, nachdem er vor einiger Zeit vergebens versucht habe, mich telefonisch zu kontaktieren. Er habe ein Interview mit Stephen Malkmus geführt, und dieser hätte ihm nahegelegt, mich anzurufen, weil ich alles über Pavement wüsste. Ich staunte nicht schlecht. Dass Stephens Aussage mehr als übertrieben war, ist, gelinde gesagt, noch reichlich untertrieben.

Ich erinnerte mich an die Singlesrubrik im NME, irgendwann 1997, wo sich der Gastrezensent darüber ereiferte, dass Blur herum erzählten, sie seien beim neuen Album von Pavement inspiriert, anstatt The Fall zu erwähnen; das wäre so als würde eine amerikanische Rockabilly-Band als größten Einfluss Shakin’ Stevens benennen und nicht etwa Elvis.

Aber zurück nach Berlin. Der junge Mann lobte mich für meine redaktionelle Arbeit in seinem Lieblingsliteraturmagazin. Dass er mich verwechseln musste, schien nun klar, zumindest in Bezug auf die Fernsehsendung konnte ich das mit Hilfe von Wikipedia auch schnell aufklären. Mit Malkmus aber schien die Sache nicht so einfach. Denn im Umkehrschluss wage ich von ihm zu behaupten, dass er mehr als nur ein bisschen über Kreidler bescheid weiss.

Ich glaube 1997 war es, jedenfalls nach Weekend, dass unser ehemaliger Bassist Stefan einen Anruf von unserer damaligen Booking Agentur erhielt, in dem uns Pavements Wunsch übermittelt wurde, dass wir sie als Vorgruppe auf einer Welttournee begleiten würden. Natürlich schlugen unsere Herzen schneller. Welttournee! Und eine nicht gerade unbekannte kalifornische Band hatte uns nicht nur wahr, sondern offensichtlich auch lieb gewonnen! 1997! Aber, wie blöd kann man sein? Wir sagten höflich ab. So blöd kann man sein. Wochenlang mit einer amerikanischen Rockband unterwegs, erschien uns wahrscheinlich zu abstrakt, ausserdem lief bei Kreidler alles bestens, vermutlich dachten wir, eine Welttournee können wir auch alleine stemmen; es war vielleicht auch kurz bevor wir für die Aufnahmen zu Appearance and The Park ins Studio wollten, Stefan war ausserdem mit To Rococo Rot beschäftigt.

1999 spielten Pavement eine kleine Deutschlandtour und diesmal sagten wir zu. Sie hatten diese transparenten Schläuche mit Lauflichtern auf der Bühne, was wir ganz hübsch fanden, ihnen aber einen bösen Verriss irgendwo aus der deutschen Presselandschaft einbrachte.
Das Publikum reagierte gespalten auf uns. Die eine Hälfte war durchaus offen für Kreidler, die andere fühlte sich vielleicht nicht umbedingt provoziert, aber doch vor den Kopf gestossen. Alex spielte bereits Bass bei uns, rocken konnten wir schon, aber es war nicht das, was der durchschnittliche Pavement-Fan unter Rock verstand. Pavement selbst waren sehr nett, vor allem Stephen, der backstage mehr bei uns war als bei seiner Band, wir hörten sie öfter streiten. Nach der Tournee war Pavement Geschichte, und Alex ist sich sicher, dass das mit an uns lag; Stephen wollte woanders hin als seine Jungs.

Vor ein paar Tagen frug ich Max, ob er eine Adresse von Stephen hätte, ich wollte ihm unser neues Album schicken. Max antwortete twittermäßig: “Garmisch-Partenkirchen, Excelsior”, woraus ich schloss, dass Pavement auf Deutschlandtour seien. Wir trafen sie dann tatsächlich in Wuppertal. Auf einer Sitzecke in einem eleganten, stuckverzierten Saal mit Parkettboden warteten wir. Plötzlich ging alles ganz schnell. Stephen eilte heran und gesellte sich zu einem Bandkollegen an ein Laptop im uns entfernten Teil des Raumes. Mit einem raschen Ruck wurde der schwere Vorhang hinter uns zur Seite gezogen, und wir nahmen erst jetzt wahr, dass der vermeintliche Saal die Bühne eines viel größeren Saales war. Der Zuschauerraum war spärlich besucht, füllte sich aber zunehmend. Wir sassen auf dieser Eckbank wie auf dem Präsentierteller, duckten uns weg, Alex und ich eilten auf das Walldach, das sich an die Glasscheibe, die den ganzen linken Bühnenrand einnahm, anschloss; dort verweilte in der Schräge auch Oliver Tepel. Detlef und Thomas drückten sich an der rechten Bühnenseite an die Wand; versuchten unsichtbar zu werden. Rund ein Duzend Leute betrat jetzt die Bühne und führten einen Tanz auf, eine Art von Ringelreihen – Pavement. Das Laptop blubberte.

Als der Abend so verrann, schrieb mir Max: „nein, ich habe leider keinen kontakt zu stephen malkmus.”

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