Mask (Teil 2)

by ikreidler

1996/97 herrschte in Pop-England mal wieder Ratlosigkeit. Die Ära der Weeklies hatte ihren Zenit längst überschritten, gute Schreiber waren Mangelware. Der NME tat das naheliegende und wurde zum populistischen Rockisten-Käseblatt, als den man ihn auch heute noch gerne am Flughafen liegen lässt. Der Melody Maker hatte seinen Humor nicht verloren und bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor er zweieinhalb Jahre später vom Konkurrenzblatt geschluckt wurde: der Melody Maker packte die Romos aufs Heft.

Romo war die Rückbesinnung auf das graue Europa zu Beginn der 80er, was jetzt in dieser Sekunde nach 17 Jahren Thatcher/Major Entropie wieder ganz gut passte. Der Dreiminuten Popsong, der das triste Daylife versüsst, die Maskerade am Abend, wenigstens die Nächte sollten dem Glitzern und Glamour gehören. Wie damals New Romantic so war auch Romo eine ziemlich zusammengeschusterte Schublade, in die die Journalisten alles reinpackten, was Kajal, Überhöhung und Hedonismus liebte. Das spreizte sich von Zuckerpop a la Orlando, Sexus oder My Life Story bis hin zur Party Extrem von Leigh Bowerys (et al.) Minty. Und auch Add N to (x) waren dabei (die übrigens zweimal Single of the Week im NME…).

Ich war in London, und mein damaliger Mitbewohner Oliver hatte mir eine dicke Platteneinkaufsliste mitgegeben. Auch für Detlef war ich unterwegs. Wir alle drei wollten Romo. Aber Detlef suchte noch etwas anderes. Ein paar Monate zuvor hatte Natascha Sadr-Haghighian uns von einem Theremin-Nachbau erzählt, den ein Ingenieur in London feil bot. Mit einer vagen Adresse in der Hand irrte ich über den Camden Stock Market und stiess nur auf Fragezeichen. Niemand schien den Mann und seinen Stand zu kennen. Ich wurde zu allem geschickt, was irgendwie mit Elektrik oder Musik zu tun hatte: Goa-Techno, Lavalampen und Batik-Rave Mode. Zuletzt ging ich in einen Laden unter einem Brückenbogen. Inmitten von Trödelkram und Krempel sprach ich einen älteren Mann mit langem Bart an. „You’ve just found it!” begrüsste er mich, und packte kleine graue Plastikkästchen auf einen Tisch. Sie sahen sehr überzeugend aus, wie böse Abfallprodukte aus der Rüstungsindustrie. Er führte mir die Geräte vor, das extraterrestrische Heulen verursachte einem kleinen Menschenauflauf vor seinem Shop.

Das kleinste Modell, das ich kaufen wollte, war Batterie betrieben, verfügte über eine kurze Antenne, einen Klinkenausgang und einen Poti als Lautstärkeregler.

Sehen kann man das Instrument auf dem Cover von Add N to (x) 1999er Album On the Wires of Our Nerves – Barry assistiert damit bei Anns blutiger Kaiserschnittgeburt eines analogen Monsters. Auf ihrer ersten Platte Vero Electronics hatten sie ausgiebig von dem wunderbar eindimensionalen Sound des Geräts Gebrauch gemacht. „Die haben Vertrauen”, sagte Detlef damals. Wir luden die Band dann 1998 auf eine Minitour nach Deutschland ein.

Vor allem live kam der Theremin-Nachbau bei uns zum Einsatz. Detlef hatte die Antenne gegen eine längere ausgetauscht, um so die Spielbarkeit zu erleichtern. Wie ein dunkler Zauberer liess er die Hände fliegen und brachte die Luft zum Schwingen. Auf Platte ist es am eindrucksvollsten in Objekt Metall zu hören: es ist der durchgehende Loop, das charakteristische Heulen, und auch der schmatzende Sound. Live konnten wir nicht anders, das Stück, das für ein paar Jahre zu unserem festen Repertoire gehörte, geriet meist zu Apokalypse Now. Das graue Kästchen taucht auch in Detlefs Videos zu den Chicks on Speed/Kreidler Sessions auf und in den die Eve Future flankierenden Kreidler Bandfotos.

Add N to (x) lösten sich 2003 auf. Barry Smith gründete Horseglue Records und spielt auch wieder Konzerte, Ann Shenton ist Large Number, führt White Label Music und kuratiert in wechselnden, abgelegenen Häusern mit wechselndem internationalen Besuch an seltsamen Maschinen – Kiki Moorse ist beispielsweise regelmässiger Gast – das Sonic Weekend: ein Wochenende, eine Session, ein Tonträger. Steven Claydon ist ein renommierter bildender Künstler. Er spielt mit Mark Leckey, Kieron Livingstone und Ed LaLiq bei Jack Too Jack, einem Projekt von shakespearehaftem Ausmaß, das aber kaum ausserhalb eines Kunstkontextes wahrgenommen wird. Steven erzählte mir zuletzt, wie sehr er der Zeit mit Add N to (x) nachtrauere, er wünschte sich wieder eine richtige Band: Proben, Platten veröffentlichen, Interviews geben, auf Tour gehen.

Und der alte Mann? Als ich ihn und seinen Laden zwei Jahre später suchte, war er verschwunden. Er hatte mir damals noch seine glänzende Visitenkarte eingepackt, die er irgendwo im Weltraum produzieren liess. Sie besassen heilende Kräfte. Darauf war eine dieser in den 90ern noch übliche komplizierte Emailadresse, die aber nun auch nicht mehr funktionierte. Das Singen seines Theremins hallte damals noch lange über den Markt, vielleicht haben die Wellen ihn zurück in den Kosmos getragen.

Advertisements