Mask (Teil 3)

by ikreidler

Am Vorabend unseres Hannover-Auftrittes hatte ich eine Karte für die Michael Clark Company im Haus der Berliner Festspiele. Ohrenstöpsel wurden verteilt, es könne etwas lauter werden – nur eine Warnung an den Tanztheater-Abbonenten, die Musik verweilte natürlich bei gepflegt gehobener Zimmerlautstärke.

Es ist ein Leichtes geworden, sich auf Youtube mit Leigh Bowery oder Mark E. Smith aufzuheizen, und so fieberten wir mit nervöser Anspannung zu Daniel Millers Warm Leatherette dem sich hebenden Vorhang entgegen. Das erste Stück hiess Swamp und war ein seltsam entspanntes Hauchen. Drone Drone Sounds – seltsam auch, wie ich gerade ganz ähnliche Musik für eine Dokumentation über Andreas Gursky produziert habe. Videoclippings. Die Männer von Schwimmerstatur, die Frauen grazil, fragil. Sehr sanfte Bewegungen. Der Lichtstreifen schwebt über die Bühne.

Pause mit Weisswein.

come, been and gone begann mit The Velvet Underground. Das fühlte sich sehr, sehr alt an. Zudem war Cale immer mein Mann: Das Artifizielle und Die Verzweiflung. Reed quälte mich über die Jahre mit zu viel Männerrock und Blues. Dennoch fielen mir nun auf Anhieb ein Dutzend von ihm geschriebene Stücke ein, die Gültigkeit besitzen. Velvet Underground ist Historie, Volkseigentum, ein Stück Basis abendländischer Kultur. Und so auch etwas staubig, gestrig. Ewige Ausnahme Venus in Furs. „Shiny shiny, shiny boots of leather”. Die Tänze waren alle sehr illustrativ. Aber die schwebende Frau, die an Seilen über die Bühne gezogen wurde, die verschleierten Männer am Strand und Zentai, Zentai, Zentai!!! wirkten wie Reduktionen von Erinnerungen an Leigh Bowery.

Pause mit Weisswein.

Der zweite Teil des zweiten Stückes dann kristalisierte. Es war Bowie, natürlich musste es Bowie sein. Und man verstand bei den Bildern die Clark nun entwickelte, auch rückwirkend, wie sehr es ihm immer auch um eine respektvolle Annäherung an die Musik geht. Helden, ja, natürlich. Der Lichtstreifen schwebt über die Bühne. Graureiher stolzieren. Schwarzweiss-Gebäck Groteske. Das ist ganz plötzlich hier und jetzt. Das ist nicht Gestern, Heute oder Morgen. Das ist immer genau dieser Moment. Und Bowie bombt mich in die Einsamkeit. Ein merkwürdiges Gefühl, weil es ein widersprüchlich universelles ist, weil ich spürte, dass es dem Nachbarn gleich geht. Und dessen Nachbarn, und dessen Nachbarn. Die Evolution ist an einem Punkt angekommen, wo jeder in seinem Eigenflugobjekt sitzt. Ende der Menschheit, willkommen Milliarden von Menschheiten.

Mass production, Heroes, Aladdin Sane. Michael Clark lehrte mich ein weiteres: Ich liebe Klaus Dinger, ich verehre Kraftwerk, aber nur Bowie ist mein König. In Heroes herrscht er riesenhaft über die Szene, wird auf Menschengröße geschrumpft, und selbst da sind die Tänzer nur winzige Ameisen. „We can be heroes?” Nicht mal für eine Sekunde!

Michael Clark wandert über die Bühne. Opopi, Papagallo, Pfau. Im Bademantel. Machen die Knochen, die Sehnen, die Gelenke noch mit? Gut, wenn man sein eigener Choreograph ist. Der Rhythmus von Jean Genie abschliessend ist die Bewegung von Leigh Bowery par excellence: ruckelig schiebende, swingende Extravaganza! Er ist lange tot, es wird keinen zweiten geben, aber hier blitze das Genius auf, hier wurde ein Ensemble als Ganzes zu ihm.

In der Paris Bar durfte ich glücklich neben der großen Ellen van Schuylenburch sitzen. Wir sprachen über das Tanzen, das Altern, Minty, Lucien Freud, das Jahr 1984, London und Kinder. Abgeschminkt sahen die Tänzer noch ausserirdischer aus. Sie wollten in „the Fassbinder Bar”, aber der Diener schloss gerade, und so führten wir sie weiter in den Vagabund. Hannover konnte kommen.

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