Autobahndezember (Teil 1)

by ikreidler

Ich schiesse unseren Opel durch manikürte, umweltfreundliche deutsche Landschaften. Die Strecke zwischen Frankfurt und München ist die dümmst mögliche. Mir schaudert schon jetzt davor, sie nach unserem Frankfurtauftritt erneut  befahren zu müssen. Schlecht ausgebaut, LKW verstopft, baustellenverstellt, unnütze Geschwindigkeitsleitsysteme im nervenden 2 Kilometertakt. 120 – 100 – 80. Die Krone der Dummheit tragen aber die Mitfahrer um uns herum. Ich hatte das beinahe vergessen. Es beginnt beim Kennzeichen F – agressive gleichwohl schlampige FDP oder CDU Fahrer, die so ziemlich an jedem Elend dieser Welt der letzten Jahrzehnte verdient haben – und zieht sich dann runter bis München. Nicht, dass die Menschen hier verantwortlich sind für den Zustand ihrer Autobahn – in letzter Konsequenz sind sie es natürlich.

Die Münchner nehme ich übrigens da raus, nicht grundlos haben sie seit Jahren einen SPD Oberbürgermeister, sie fahren präzise, wach und wissen, dass man das Tempolimit bis in den schmerzhaften Bereich hinein ausreizen muss.

Auch die Nürnberger gehören zu den intelligenten Fahrern. Sie scherren sich nicht um die Autobahn. Sie bleiben zuhause. Verstopfen freundlich die eigene Stadt, kurven ein bisschen im Zonenrandgebiet rum, oder in der Metropolenregion, wie der Heimatverein gemeinerweise das Trio Nürnberg, Fürth, Erlangen nennt. Dafür kann der Nürnberger nichts. Wenn er doch mal weg muss, nimmt er den Zeppelin.

Der Franke ist nett, sein Dialekt ist, fern alles Niederbayrischen, sexy. Die Nürnberger Fußgängerzone hat etwas von der Wildheit vergangener Jahrzehnte behalten: neben den unvermeitlichen Flagshipstores und Billigketten gibt es düstere Brunnen, verruchte Bars und seltsame Restaurants; das georgische hat leider neulich geschlossen. Inmitten eines monströsen Döner-Arrangements schreit ein Schild Hallo, hier gehts zum Arzt! Das muss man gesehen haben.

Nürnberg ist komisch; es mutet urban an, eher Brüssel als Düsseldorf, es dehnt sich aus, faltet sich über die Landschaft und ist doch seltsam exkludiert inmitten des mittelfränkischen Waldes. Warum wurde es Stadt der Reichsparteitage? Ein Anknüpfen an die Kaiserzeit? Jedenfalls bombten die Nationalsozialisten Nürnberg in eine prämittelalterliche Zeit, nicht die aliierten Luftangriffe. Wer denkt heute bei Nürnberg und Kultur an etwas anderes als den Christkindlesmarkt? Welcher Professor verirrt sich beispielsweise an die Akademie der Dürer-Stadt?

Im Regen durchbrechen wir die Stadtmauer.

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