War is over

by ikreidler

„War ist over – if you want it”

(Yoko Ono, John Lennon)

Im Treppenhaus stach mir ein bunter Buchrücken ins Auge. Ich zog den prächtigen Bildband über Surab Tsereteli aus dem Regal.

Der Tag hatte spät angefangen. Wie üblich in diesem wunderbar entspannten und entspannenden Mediteranien. Irgendwann Nachmittags waren wir zum Made-in-China-Weihnachtsmarkt vor dem Parlament aufgebrochen. Ein warmer Wintertag. Wir schlenderten Zuckerwatte-verklebt mit der Masse. Housemusik umspielte unsere Ohren. Doch binnen Minuten zwangen uns um uns herum explodierende Böller zur Flucht.

Durch menschenleere Straßen spazierten wir zu Nino. Nino entwirft Mode. Komisch quere, skulpturale Jacken, Kleider, Kostüme – komisch vor allem, weil sie so sperrig scheinen und dabei doch so sinnlich und tragbar sind. Nino entstammt einer angesehenen Familie, einer ihrer Ahnen hatte ein bedeutendes Werk verfasst, vermutlich, denn so genau weiss das niemand mehr, gelesen hat es auch keiner, aber das ist ziemlich typisch hier in dieser Stadt. Neben der Eingangstür hängt eine Gedenktafel. Nino trägt einen berühmten Namen, und das Wissen darum genügt.

Ich hatte den Katalog schon öfter durchgeblättert. Jetzt fiel mir etwas auf, worüber ich mit Tobias Levin gesprochen hatte. Er meinte, dass, je länger man sich mit Musik beschäftigt habe, desto mehr die Fähigkeit entwickle, genau die Dinge zu hören, die einem weiterbringen würden. Seine Frau hatte zu OM, einer Steve Albini-Produktion, gesagt, es klinge immer noch wie Grunge. Wir hörten ganz ‘was anderes – zumindest im Song Thebes – nämlich ein Jetzt und ein Weiter. Das funktioniert natürlich nicht, wenn die Grundannahme eine falsche ist wie beispielsweise bei Hardtrance oder Dave Grohl-Produktionen – an Bohlen kann man wenigstens die politische Subversivität genießen, wie er zum einen die GEMA aushebelt, in dem er im Monatstakt die immer gleiche Melodie unter neuem Titel schützen lässt, zum anderen weltumfassend die ewig dumme Masse noch etwas dümmer macht. Masse und Macht.

Surab Tsereteli ist auch so ein ewiger Kopierer: Millionenfach wiederholt er handwerklich perfekt einen weichen Expressionismus, der eher wie Impressionismus anmutet, und nicht über ca. 1912 hinausgekommen ist; Pan – unsere herrliche Welt. Einer der reichsten – tja, zeitgenössischen – Künstler, ein Hofmaler der Mächtigen, der gemessen an seinem Output aber auch in Abertausenden von Haushalten hängen muss. In der Kunstgeschichtsschreibung spielt er natürlich überhaupt gar keine Rolle. Nicht mal in dem von mir so geliebten Kunstmarkt – der Feuilletonseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jedoch kann man in seiner figurativen Malerei auch Details entdecken, die zum einen auf seine potentielle Größe hinweisen könnten, zum anderen einen selbst inspirieren; so in den verschrobenen Portraits in Öl von Anfang der 1990er, wo er zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wie George Condo oder John Currin – nur ohne Brüste. Und tritt man nahe genug an seine Gemälde ran, sieht man flächige, kachelige Abstraktionen in prächtigen Farben. Das kachelige weist aber noch auf etwas anderes hin, auf seine Mosaiken, seine bekloppten Monumentalskulpturen, auf seine irrwitzigen Erholungsheim– Brunnen– oder Strandarchitekturen. Scherbenhaufen ohne Gleichen. Der Traum von Gaudi gebar ein Ungeheuer. Aber ein freundliches: Paff der Zauberdrachen.

Kleinigkeiten, Details, über die man hinwegsehen kann, die sich aber auch zu etwas Großem addieren können, leider auch zu Unheimlichkeiten, die Spalte 2012 reißt auf, L.A. verschwindet, kein Lächeln bleibt, dabei waren wir doch schon bei 2014. Nebenwidersprüche, ein Flickenteppich voll blinder Flecken, etwas füllt sich falsch an. Thank you mam, no thank you, man.

Vom Club unten dröhnt Musik. Wir sitzen im Restaurant und das Bassgematsche ertränkt die angekündigte Liveband. Ein Duo, bestehend aus einem altehrwürdigen Akkordeonspieler und einen Kontrabassisten. Trotzdem gut. Libertango – I’ve seen that face before. Das Purpur fährt eine Hochpreispolitik bei freundlichem Service und schlechtem Essen. Ist aber trotzdem gut. Man sieht schweigend über die mittelmässige Euroremont-Küche hinweg, die jedes Gericht ins besinnungslos Weiche kocht und mit übersäuertem, öligen Gemüse serviert. Was ist trotzdem gut? Das Purpur ist nicht gewöhnlich, nicht aussergewöhnlich, nicht touristisch, nicht volkstümlich, nicht modern, nicht traditionell, es ist einfach da, es ist nett, es hat etwas spezielles, aber es ist unaufgeregt, es ist wie eine Oase, obwohl von keiner Wüste umgeben, es ist, ich weiss nicht, genau was es ist, aber, wer da ist, wer hier Gast ist, bezahlt für die Atmosphäre und bezahlt gerne für die Atmosphäre und nicht für das Paprikageschnetzel. Alles fühlt sich richtig an. Und als auf das Konzert von Cd oder von limewire die Щелкунчик-Suite folgt und danach 40 wunderbare Minuten Leonard Cohen und just als wir aufbrechen wollen und völlig unerwartet Circulus von Eve Future, da war es diese Kleinigkeit, wo sich alles richtig anfüllte. Alles ward gut. Ist. Und wird.

„War is over, if you want it, war is over, now!”

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