Tbilisi

by ikreidler

„What’s so funny ’bout Peace, Love and Understanding?”

(Curtis Mayfield)

Justus Köhncke deejayt in Mediteranien. In einem Club namens Cubic. „So sehen die Läden aus, in die Kompakt-Künstler gebucht werden”, sagt er, „und zwar rund um den Globus”. Es läuft Boutiquentechno.

Dass der Kompaktsound in Deutschland in Sachen Clubkultur lange nicht mehr federführend ist, hat sich zum Glück für die Kölner in der Welt kaum herumgesprochen. Ein Freund aus L.A. hatte mich noch im Herbst gefragt, ob das neue Kreidler Album auf Kompakt veröffentlicht werde, das Label sei dort nämlich der letzte Schrei.

Das Cubic hat eine okaye Soundanlage, nichts Besonderes. Das Licht scheint weitaus teurer gewesen zu sein. Aber das Cubic hält die Schallplatte hoch. Naserümpfend erzählt der Promoter von einem Get Physical–Act, der hier digital gespielt habe.

Im Herbst 2001 waren Detlef und ich das erste Mal in Tbilisi. Auf dem flyer stand:

„Die Georgisch-Deutsche Gesellschaft und das Fernsehprogramm Komunikator laden Sie am 16. Oktober zum E-Musikabend der Gruppe Kreidler ein. Das neue Projekt Binford”

Ein Kreidler Auftritt war nicht zu finanzieren, allein die Flüge waren zu teuer, das Binford Honorar war natürlich minimale, aber wir kriegten für eine Woche eine Gästewohnung gestellt (und einen gefüllten Kühlschrank). Sieben Tage Tbilisi sollte uns Welten öffnen, und wir sollten andere mitreissen, und später auch mal in Abgründe. Loslassen jedenfalls sollte es uns nicht mehr.

Der E-Musikabend, E für Elektronisch, fand in einem Kellertheater in einer Gasse um die Ecke der Prachtstraße Rustaveli statt. An so etwas wie Clubs war damals nicht zu denken. Es gab ja nicht mal Cafés – was wir uns wünschten, dass man einfach irgendwo sitzen konnte und ein bisschen das Treiben beobachten, und diese vertraut wirkende und doch ungewöhnliche Kultur mitten in Europa besser verstehen zu können. Wir gaben ein Interview für den ersten Fernsehkanal – für die 20 Uhr Nachrichten. So waren die Zeiten.

Die Decken im Theater waren mit Folien abgehangen, die Stühle zur Seite geräumt. Uns standen eineinhalb funktionierende Plattenspieler (aus Sovietbestand) und eine krachige P.A. zur Seite. Detlef spielte vor allem seine MPC und ich mein Powerbook G4, an das Deejayen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an eine Session mit Nikakoi, der seinen fruity loops bestückten PC-Turm aufgebaut hatte. Das Alter des Publikums reichte von 16 bis 46, sie tanzten durch und feierten uns, die Stimmung war euphorisch, es war tatsächlich die erste Technoparty in Mediteranien. Sie sagten, es sei die erste Party überhaupt. Und es war wunderbar. Draussen war feindlich, die Polizisten wurden nicht bezahlt und verdienten sich ihr Gehalt, in dem sie willkürlich Passanten und Autofahrer abkassierten. Ein-Euro-Jobs nennt man das heute bei uns. Der Präsident Shevardnadze war eigentlich sehr okay, aber er war zu alt geworden und schaffte es nicht mehr, die Korruption um ihn herum in den Griff zu kriegen. Es sollte noch eine Weile dauern, bis sein politischer Ziehsohn Saakashvili ihn vom Stuhl schubsen und aus seinem Teebecher trinken würde. Seitdem gibt es Clubs und Cafés, die allesamt neu eingestellten Polizisten erhalten ein ordentliches Gehalt und Mediteranien ist um ein Drittel kleiner geworden.

Auf dem Weg in ein neues Jahrzehnt, den brutal schicken Fernsehturm mit seiner elektrischen Fassade im Blick, lässt mich der Binford E-Musikabend an eine phänomenale Ein-Plattenspieler–Sylvesterparty irgendwann Ende der 80er auf der Helmholzstraße in Düsseldorf denken. Sie fand in Justus Köhnckes Wohnung statt, und natürlich legte er auf. Übertroffen wurde sie nur von der 2001/2002er Kölner Wormser Straße-Party, wo es zwar zwei Plattenspieler gab (mit Riemenantrieb), aber kein Mischpult. Wir hatten etwa 50 Leute eingeladen, es kamen 300, und natürlich deejayte Justus auch hier.

Advertisements