Do Androids stream…

by ikreidler

Skype mit Mediteranien, Oktober 2009.

Andreas, your new album is so cool!

Oh, you heard it already?

Yes, we got wav-files. Do you know this russian website, you can find everything there…

No I don’t know it. I do not download wav-files from any of these sites.

I’m sorry, but how should we get your music here in Mediterani?

I know, ich weiss doch selbst. Alles okay mit mir. Es müssten vielleicht nicht umbedingt wav-files sein. Ich habe einen wunderbaren Stapel von mp3 Cds aus den Lagern der ehemaligen Sovietunion. Beach Boys complete 1 – 3, Pet Shop Boys complete 2, Michael Jackson complete – à 4 Euro. Wunderbar auf jeder Cd etliche Best of–Veröffentlichungen mit unzähligen Überschneidungen, wunderbar mit einem miesen Codec digitalisierte mp3s, wunderbar mit Phasenverdrehungen in den Rechner überspieltes Vinyl. Wunderbar, weil in bester Qualität habe ich es sowieso auf Schallplatte. „Wer Bratwurst bezahlt bekommt auch Bratwurst”, hat Professor Zülch mir während des Studiums beigebracht.

Natürlich kenne ich die Seiten. Beispielsweise die ukrainische, auf der man sich Mosaik 2014 Monate vor dem Veröffentlichungstermin laden konnte. Es ist mir ein Rätsel, wie man seine Zeit und seine Bandbreite damit vergeuden kann, Tonträger, mit denen man bemustert wurde, in den Rechner zu packen und dann ins Netz zu stellen. Nur weil man es kann??? Man könnte stattdessen doch auch sein lächerliches Leben in einem Blog schildern, sein langweiliges Dasein auf flickr ausbreiten, Handyvideos vom Hund auf Youtube laden, oder mit selbigen mal eine Runde um den Block gehen.

Wir bleiben beim Thema. Die Butter und das Salz verdienen wir mit Kreidler, die Brot unter der Butter Detlef Ihr wisst, wo, Thomas Ihr wisst, wo, und ich, Ihr wisst  wahrscheinlich auch, wo, schreibe Plattenkritiken für die Spex. Bemusterung, das sieht heute so aus, dass ein Label wie Zick Zack eine Cd schickt. Majorlabels wie Domino oder die EMI aber, wenn sie sich von der bösen bösen Seite zeigen, aktuelle Alben nur noch in irgendeinem proprietären Elendsformat streamen – abspielbar nur in irgendeinem proprietären Elendsplayer. Womit sie das Elend der Musikindustrie natürlich nur forcieren. Menschen mit Muse, aktive oder passive Hartz 4 Empfänger also, werden das Teil trotzdem rippen, beispielsweise über ihre Digital-Analog-Konverter ausspielen und dann auf einen Tonträger brennen oder auf ihren iPod laden oder siehe oben.

Domino und EMI malen das idyllische Bild einer Musikredaktion heute: die Journalisten versammeln sich nach der Zigarettenpause in Abhörraum Zwei, dessen edle Akustik ganz auf Dance Music optimiert wurde, und geniessen zu Prosecco auf Eis den Jetstream. So beflügelt tippen sich die Buchstaben wie von selbst ins Sony-Vaio. In realo jedoch werden die Redaktionen immer kleiner, die Gehälter immer geringer, das Büro teilt man sich mit einem Fahradkurier und zwei net-labels und der Autor versucht spätmorgens in der U-Bahn sich an letzte Nacht zu erinnern, an ein paar Momente zwischen dem durch den Elendsplayer-Skippen  – parallel zum Emailschreiben, Facebook updaten und Twittern –, bringt die Worte aus dem Presseinfo in eine neue Reihenfolge und sortiert irgendeinen Titelnamen (auch aus dem Presseinfo) dazu. Burroughs würde vor Neid erblassen.

Bei nicht so wichtigen Künstlern gehen mp3 files schon mal einfach so raus; die Firma ahnt, zehn Millionen illegaler Downloads stehen immer noch hundert legale gegenüber.

Für alle anderen corporate artists haben sie eine watermarked zip im Angebot. Nichts dagegen, wie gesagt. Menschen ohne Haustiere wissen eh Bescheid. Bei einem Wasserzeichen wird in einer digitalen Hüllkurve ein binärer Code versteckt. Eine Datenbank sortiert jedem registrierten Journalisten eine knappe aber mehrstellige Abfolge von Ziffern und Buchstaben zu; diese wird dann beispielsweise auf dem neuen Lindstrøm-Album an die 4.869ste Bassdrum gehängt. Oder bei Lady Gaga vor den 23.444sten Gitarrenakkord, und zwischen die 4.949.494ste Hihat bei Gil Scott Heron. Mit einer guten Soundkarte (nichts von Behringer) kann man für den Bruchteil einer Sekunde ein leichtes Britzeln hören! Here we go: den Song in einen Audioeditor nach Wahl laden, die Hüllkurve ins Unendliche vergrößern und den Code raus schneiden! ANDREASRHEISE12 – die Deppen haben meinen Nachnamen falsch geschrieben. Nicht mal das kriegen die hin.

Advertisements