Warszawaluty (tak jakby to była)

by ikreidler

„Was hielten jene, die in der zehnten Dimension lebten, also jene, die zehn Dimensionen wahrnahmen, zum Beispiel von Musik? Was war ihnen Beethoven? Was Mozart? Was Bach? Wohl doch nur Lärm, antwortete der junge Reiter sich selbst, ein Lärm wie welke Blätter, ein Lärm wie verbrannte Bücher.”
(Roberto Bolaño, 2666)

Warschau. Ich war da und habe gesehen. Nichts. Nichts gesehen. Ein Stadtbild wie ein München Im Zentrum von Europa. Es ist ja nicht schwierig, sich zu schämen, deutsch zu sprechen, ein Deutscher zu sein; aber so wie in Warschau hatte ich mich noch nie geschämt, ich fühlte mich durch und durch schuldig. Einer aus diesem kleinen Kuhdorf namens Deutschland. (1)
Spreche gerade mal Danke, Bitte, Guten Tag und Guten Abend auf polnisch; klingt ja wie russisch, aber wenig Grund, hier russisch zu sprechen (2), Küchenrussisch. Auf der Fahrt zum Hotel erzählt der Taxifahrer (auf englisch), Stalin habe den Polen den Pavac Kultury i Nauki geschenkt, Polen habe wählen können zwischen einer U-Bahn und der achten der Sieben Schwestern. Was hättest Du gewählt? Später übernimmt A. das Fahren. Die Hauptfensterfront der Foksal Galerie ist genau auf den Kulturpalast ausgerichtet.

„You have to play here”, sagt Paulina, die neben mir sitzt, im jüdischen Restaurant. I know. Möglichkeiten gab es, beispielsweise 2000, eine schwebende Einladung von Tomasz zu einem Avantgarde-Festival in Szczecin – es war dann aber eher für die Berliner Fraktion, alleine der Fahrtkosten wegen; oder eben in Paulina und Lucys Bar Nova Popularna in Warszawa – doch auch das als Band zu kompliziert, und man konnte ja eine Cassette schicken; jetzt spielt Krzysztof „Mosaik 2014” im Radio Aktywne. Möglichkeiten wird es geben. I know, ich will, I want. Mit Willy Brandt-T-Shirts vielleicht.

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(1) Nicht, dass es zu irgendwelchen Konfrontationen gekommen war, im Gegenteil, ich traf nur nette und freundliche Menschen, die eben ganz genau mitteleuropäisch aussehen, also ein bunt gemischter Haufen, wie man selbst und nicht irgendwie leicht identifizierbar wie beispielsweise der Mediteranier, der Finne oder die Spanierin, Länder, in denen es noch so was wie eine Handvoll von Prototypen zu geben scheint und Variationen davon.
Warschau. Eine Stadt, die so tut, als wäre nichts geschehen. Nicht, dass sie die Wahl gehabt hätte. Hochgezogen, Klassizismus im Sinn, Kaschieren im Cache, accent aigu. Und damit nicht nur durchgekommen, sondern auch noch Weltkulturerbe geworden. Der große Unterschied zu München, der bruttoregistertonnenschwere Unterschied zu München aber: auch wenn letztere nach dem Ersten Weltkrieg einen historischen Moment lang eine Räterepublik war, ist die Stadt doch von den Alliierten zerlegt worden, um die böse nationalsozialistische Brut, die bruttoregistertonnenböse Brut zu vernichten. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde in der Hauptstadt der Bewegung erstmal ordentlich gekehrt. Und zwar vor allem unter den Teppich. Ein zügiger Wiederaufbau. Und es sah schöner aus als zuvor. Gerade noch mal gut gegangen. Stadt des Lächelns. War was? Eigentlich nicht. Da passte auch eine Verkehrsinsel namens „Platz der Opfer des Nationalsozialismus” noch dazwischen, Hauptsache alle Ampeln stehen auf grün. Die Fassaden atmen bis heute das Böse.
Warszawa dagegen war genau von dieser Brut vernichtet worden. Und nicht etwa aus irgendwelchen kriegsstrategischen Gründen in einem Bombenangriff.
Nachdem die Nationalsozialisten 1939 Polen überfallen, dann Warschau besetzt und 1940 im Stadtteil Wola einen so genannten jüdischen Wohnbezirk eingerichtet hatten, ein Menschenpferch, ein ummauertes Zwischenlager, eine Sammelstelle für eine halbe Million Menschen vor der Deportation ins Vernichtungslager Treblinka, nachdem die Nationalsozialisten, im Speziellen die SS, im Sommer 1942 begannen, das Ghetto im Zuge der Endlösung zügig aufzulösen (– spätestens hier könnte man fragen, wie denn die rund 1 Million nichtjüdischen Warschauer dem zuschauen konnten, aber ich vermute, mit diesem Thema haben sich polnische Historiker auseinandergesetzt –) und im Frühjahr 1943 ein paar zehntausend verbliebene Juden den Aufstand wagten, brannte die SS das Viertel nieder, bis auf die Grundmauern, Gefangene wurden nicht gemacht, nur eine Handvoll Juden konnte durch die Kanalisation fliehen; als es im August 1944 schliesslich zu einem Volksaufstand kam, und die Armia Krajowa die Nationalsozialisten angriffen, erging Himmlers Befehl, alle nichtdeutschen Menschen in Warschau zu töten, egal welch Geschlechts, welchen Alters, welch politscher Gesinnung, und die Stadt in Schutt und Asche zu legen, in Schutt und Asche. Die SS nahm sich also Zivilist für Zivilist vor und sprengte Haus um Haus. Die aus Schutt und Knochen wieder errichteten Fassaden atmen bis heute das Leid. Und, Danke, Willy Brandt.

Warsaw, Kriegssäge. Kriegsgesänge.

(2) Und die Russen? Die Russen, A. fährt uns auf die andere Seite des Flusses, nachts immer noch ein unsicheres Gebiet, sagt er. Großgewachsene Bürgerhäuser, an denen der Lack ab ist, die über die Jahrzehnte an Glanz eingebüßt haben, aber aufpoliert, weiss man, wieder in alter Pracht erstrahlen könnten. Es sieht aus wie am Prenzlauer Berg zu Hauptstadt der DDR-Zeiten oder kurz danach. Berlin, ja, sagt A., dafür fehle Polen und Warschau aber die wirtschaftliche Dynamik. Dafür hätten sie die Finanzkrise aber auch relativ unbeschadet überstanden. So wie diese Häuser den Krieg? Auf dieser Seite der Wiswa hätte sich die Rote Armee verschanzt. Und abgewartet, was nach dem großen Abschlachten übrig bleiben würde. Soviel zum kommenden Klassenfreund. Unter anderem. Die Russen hielten die Curzon-Linie, Stalin tobte, weil die polnische Exilregierung sich nicht dem Lubliner Komitee unterwerfen wollte, Molotov kündigte die diplomatischen Beziehungen, nachdem in Katyn die verschwundenen 15.000 polnischen Kriegsgefangenen ausgegraben worden waren – von Russen mit Kopfschuss getötet, und hatte der KGB nicht den polnischen Premierminister Sikorski auf dem Gewissen? Weil Stalin nun schon mal am Toben war, und ein britischer Diplomat in Moskau es sowieso schon laut angedacht hatte, wurde nach WK II das Land Polen kurzerhand gen Westen verschoben. Спокойной ночи. Wenig Grund also, russisch zu sprechen. Dobranoc.

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