Morbovia (Teil 2)

by ikreidler

Schwellungen. Auf den Gehwegen; Berg an Tal an Berg an Tal; in den Niederungen Split, der zerreisst das Hosenbein beim Sturz von der Höhe. Die Notaufnahmen haben das Zählen aufgegeben. Wenigstens fällt wieder Schnee. Und bedeckt das Elend. Fallen, Risse, Schwellungen – lange-weilige Verletzungen, Andreas heute:

Ein Brummen, weit darüber ein Zischen mit leichtem Pfeifton. Tinnitus-Syndrom. Mögliche Ursachenverkettung: als Kleinkind schon geschlagen mit Mittelohrentzündungen; mit 16 nach einem Tauchgang erhöhte Ohrenschmerzen; die werden von Methusalem Lauck – damals seit geschätzten 5 Generationen Hausarzt meiner Familie mütterlicherseits – mit Ohrentropfen alter Schule behandelt; erhöhte erhöhte Ohrschmerzen; der konsultierte Facharzt diagnostiziert Ohrentzündung – Otitis Media und Myringitis – und Trommelfellruptur; Antibiotika galore; das Trommelfell sollte nie ganz zuwachsen, eine jährliche Mittelohrentzündung gehörte nun dazu, harmlos; irgendwann kam das Rauschen dazu; und vor etwa 12 Jahren wollte die Entzündung nicht mehr abklingen; mein Gleichgewichtssinn wurde wirr; zu viele Stimmen in einem Raum, und ich klappte zusammen; zweimal im Sixpack; meine Ärztin rief Knochenfraß, Hirnhautentzündung und Exitus auf – oder Operation; Tympanoplastik, Aural Sculpture, okay, seitdem höre ich links schlechter und der Tinnitus wirkt lauter. Weg zwei: das Rauschen kam natürlich durch laute Musik; Knalltrauma, vielleicht ein Hörsturz; natürlich bin ich erst nach zehn Monaten zum Arzt, kann man ja eh nichts machen; es rauscht und brummt und pfeift und manchmal ist es lauter und manchmal ist mono cooler als stereo, und wenn man sein Syndrom wie sich selbst liebt, dann lebt es sich relativ entspannt.

Nummer zwei war die Koinzidenz meines ersten Mobiltelefons mit der runden Applemaus; in Tagen und Nächten vor dem Bildschirm in der fremdgewordenen Stadt quälte ich mein rechtes Handgelenk; mit dem Ergebnis eines Ganglions, eines Sehnenscheidenhygroms. Homöopathie und Naturheilkunde versagten völlig (TCM kannte ich noch nicht); meine Orthopädin warnte vor Cortisol (lasse extrem zeitverzögert Sehnen zerbröseln) und riet von einer Operation ab (Rezidiv). Wegdrücken, massieren, nichts half. Die 2000er Mnemorex-Tour spielte ich bandagiert und meist nur einhändig; ein Dreivierteljahr lang ging ich danach allmorgendlich zur TENS-Therapie, entsorgte die Computermaus und lies die Finger vom short message service.

Diesen Abend sollten wir im Dynamo spielen, an der Limmat, in Zürich. Über irgendetwas geriet ich in Streit mit Detlef („Ich bin Tierkreiszeichen Stier. Und ein Stier bietet viel Angriffsfläche.”); abends, noch vor Zuschauereinlass. Ich schrie ihn an, backstage wurde mir eng, wollte raus auf die Bühne. Der Durchgang war niedrig – nicht, dass der Veranstalter uns nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, aber in Eile knallte ich mit meinem Kopf böse gegen den Türrahmen. Scheisse. Und zurück. Zum Kühlschrank. Ich griff ins Gefrierfach und legte mir einen Eisbeutel auf die wachsende Schwellung. Keinen Eisbeutel, einen Tiefkühlkarton; leider weichte er auf, und Vanille-Eis lief mir über die Haare ins Gesicht. Das war’s dann natürlich; das Konzert wurde wunderbar, Detlef und ich führten zwischen den Stücken dialogisch durch den Abend, Thomas Brinkmann, als Privatier zufällig in Zürich, empfahl uns daraufhin, immer zwei Gesangsmikrofone auf der Bühne zu haben; die rheinischen Schorsch und Rocko sind wir dann aber doch nicht geworden; zumindest nicht öfter als einmal im Jahr.

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