Die Katakomben (Teil 2 – Im Rollschrank)

by ikreidler

Aufkleber mit böse dreinblickenden siamesischen Zwillingen, Schlüsselanhänger in Totenkopfform, ein PTV Button fallen mir in die Hände. Ich öffne probeweise einige Folien: seltsame Musikgeräte – darunter ein Stylophon, ein Zoom-Effektgerät und ein Akai S2000; und puste den Staub von ein paar Bedienungsanleitungen im Quartband-Format; Duodez-Bände, Kreidlertagebücher, Keyboardsetting- und Konzert-Setlisten.

Ich schlage einen Oktavband auf, die Seiten sind in der Manier eines chinesischen Schulschreibheftes mit hellgrauen Rechtecken unterteilt. Ich blättere durch die Einstellungen meiner Kreidler-Keyboards Jahre 1994 bis 2000 – bevor ich den Entschluss fasste, nun doch mein Powerbook G4 mit auf die Bühne zu nehmen. Aufzeichnungen aus einem toten Haus in persönlicher Tachygraphie. Anordnungen von Zahlen und Buchstaben, wer sie zu lesen weiss, kann sie in die Klanggestaltungs-Parameter der Synthesizer übersetzen, 1bit Grafiken, die eine Schnellübersicht über die Stellung der Potis mal am Jazz-Chorus, mal am Zoom-Effektgerät bieten, und in Kurzschrift: Melodie – wie Akkordbewegungen. Auf  dem quirlig bunten Umschlag klebt ein weisses Etikett mit meinem Namen in Katakana: アンドレアス, Gairaigo-Andoreasu; Teil eines Geschenks von Kaoru von Cpt. Trip, aus der Zeit als wir (Thomas und ich) mit Klaus Dinger und la!NEU? in Japan unterwegs waren. Verirrungen. Nach einem Konzert in Glasgow, 1999, lachte Cathy Wilkes über mein Notationsbuch, und sagte, sie werde mir ein neues gestalten. Wochen später lag ein Päckchen in der Post: a commissioned art work by Cathy Wilkes – eine kleine Fahne mit einer Ähre, die mir den Beginn einer neuen Zeitrechnung signalisierte: ich begann das Powerbook G4 mit auf die Bühne zu nehmen.

Dann die Art von Pappkartons, in denen Druckereien ihre A4 Ware versenden. Vorwiegend Material, das sich aus Kreidler-Tourneen rekrutiert – Einladungen, Anschläge, Backstageausweise, Fotos – und ein paar Presseartikel; ein bisschen Memorabilia, Fanbriefe, Arbeitserinnerungen. Verlorene Seelen, juicy beats-Armbändchen, Schlachthof Wiesbaden-Getränkebons, Plastikmarken von Pukkelpop. Zwei flyer aus dem Cooky’s, wo einst Ralf-Reiner Rygulla hinter dem Pult stand, der – um in Zungen zu reden – gemeinsam mit Brinkmann Acid erfunden hatte, und wo ich – bei unserem zweiten Auftritt –  versehentlich das Netzkabel gekappt hatte und das leergelaufene Powerbook G4 neu starten musste – amtlich durch die Lautsprecher verstärkt; oder das Plakat zu 10 days off in Ghent, wo damals Jeff Mills zum Ende des Tages hin alles richtete. Was einem plötzlich so alles wieder vorkommt.

Ich addiere und  subtrahiere, ich sortiere, kontrolliere, und schichte alles in die frisch erworbenen anthrazitfarbenen Bösner-Boxen. Time Capsules im Kleinen wie im kleinen. Für zukünftige Ausgrabungen. Sollte ich die Headquarter-Spiralbinder auch einwecken? Oder den Weekend Leitz-Ordner, mit Juttas grandioser Promotionsarbeit? Sollte ich vielleicht doch A2 Boxen verwenden, um die A1 Poster nur einmal falten zu müssen? Schnee setzt ein, Mitte März. Die Grubenlampe beginnt zu flackern. Ich lösche das Licht, schließe die Tore, schalte die Selbstschussanlage scharf und starte den Volvo. Larvik muss warten.

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