Die Katakomben (Teil 4)

by ikreidler

„Ich glaube, das ist auch der Zugang zum Kapital und zu der Denkweise von Marx schlechthin, dass es ihm immer gelingt, zu zeigen, nichts ist, was es zu sein scheint, alles ist bereits umgekleidet; wir treffen die Materie immer an in einem Zustand – von dem ominösen Zustand der Rohstoffe und der so genannten Bodenschätze – auch eine interessante bürgerliche Metapher, die die Natur von vorne herein in ein Schatzhaus zu erklären versucht – aber wenn man von diesen beiden Fällen Rohstoffe und Bodenschatz absieht, ist alles, was uns in der Wertsphäre, in der Welt der Waren, begegnet, bereits umgekleidet, eingekleidet, kostümierte Materie, die an dieser Theatergeschichte des Werts und der verwerteten Materie teilhat.”

(Peter Sloterdijk in: Alexander Kluge, Nachrichten aus der ideologischen Antike, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag; Berlin : absolut MEDIEN, 2008)

Nachdem ich Meter um Meter Regalware durchschritten hatte und Berge von Papier durchforstet, schlug der Blitz ein. Ich werde dem Generalisten heute Abend telegraphieren müssen. Eine schwarze C-15. Lange nicht gesehen. Ich schiebe sie ins Tapedeck. Drei Stücke aus der Riva-Produktion.

Die Songs erinnern mich daran, wie leicht es 1994 geworden war, Auftritte zu bekommen: eine C-15 verschicken, auf ihr drei Stücke aus der Riva-Produktion, auf die Zusage warten. Natürlich war das auch Kreidler. Die Leichtigkeit im Namen eingeschrieben. Ein paar Monate früher noch, mit Deux Baleines Blanches, mussten wir mit Vinylveröffentlichungen wuchern, eine seitenlange Bandbiographie mit akademischen Querverweisen dazupacken und auf die Wirkung der Merseburger Zaubersprüche hoffen.

Ich schiebe die Lips in das Tapedeck. Lange nicht gehört. Eine einseitig bespielte C-60. Die letzte Deux Baleines Blanches Produktion kurz bevor aus der Asche der Weissen Wale Kreidler entstieg. Aufgenommen im Düsseldorfer B-Orange Studio von Boris Hanzer; mit einer Riege von Gastmusikern, vor allem an Blasinstrumenten und Wickie, Studentin in der Klasse von Irmin Kamp, und von, bald danach, Superbilk, am Mikrofon bei zwei Stücken. Ich liege zwischen den Boxen. Spoken Word war irgendwie das Thema, Lips waren die Lippen von Muhammad Ali; in ich in Vaters Sakko erzählt Stefan von den Auftritten seines Vaters als Elvis-impersonator; Kuba, „wie die Insel, ohne H”, ist vielleicht das lässigste Stück, noch mit Ulrich Richter am Bass.  Musikalisch ist Lips weniger komplex, als was zuvor bei Deux Baleines Blanches los war; es könnte ein Album aus Hamburg gewesen sein; die Stücke mit den Bläsersätzen haben etwas zeitlos altmodisches, in etwa Gil-Scott Heron, sagen wir durch den Kante-Filter. Und das Elvis Stück klingt nach Blumfeld. Ansonsten noch Vorträge von Günther Jacob gehört, die Stereo MCs im Vorprogramm von De La Soul gesehen, ich hatte ein altes Cosmic Orgasm Poster vor meinen Keyboardständer geklebt, und in Köln gings mal wieder ab. Der Gesang ist etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt; müssig das zu schreiben, mit 17 Jahren Abstand, non-vocalem Abstand, aber ich vermute, auch Stefan, Student in der Bernd & Hilla Becher Klasse, sehe das heute ähnlich – zum letzten Mal hatte er meines Wissens die Stimme in der Zugabe zu Riva erhoben. Das war auch die Zeit als Stefan Detlef, Student in Klasse von Magdalena Jetelová, kennen gelernt hatte; Detlef hatte die coolsten Spokenword Poetry Platten; so etwas wie Wanda Robinson fand man nicht zufällig auf dem Flohmarkt oder im Plattenladen; und wir sprechen von der Zeit, als Internet noch das völlige Nerdprogramm war: John Dunn, BüroBert, System 7.1., Mosaic gerade mal am Start.

Jedenfalls war für die Veröffentlichung von Lips zuerst ein Label aus Austin, Texas im Gespräch, dann hatte Stefan Kontakte zu Organico geknüpft, einer mittlerweile längst ausgehobenen Firma aus Chicago; schlussendlich folgte im Februar 1994 im Düsseldorfer Restaurant Op de Eck der von Deux Baleines Blanches gemeinsam mit der Den Haager Band Trespassers W organisierte Spoken Word Poetry Abend, und ein paar Wochen später war Deux Baleines Blanches Geschichte.

Auf einer externen Festplatte finde ich drei verschiedene Cover – ausser Deux Baleines Blanches, lautet eines auf den Namen Kreidler und – am verschrobensten eine technoide Popart Grafik als beforeKreidler. Die Idee, Lips nach Riva unter dem Etikett Kreidler zu veröffentlichen, hatte am vehementesten Detlef abgelehnt. Zu Recht, denn wir waren in eine andere Welt hinüber geschritten.

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