Abbrechen und nochmals Neuanfangen

by ikreidler

Neulich im Maria am Ostbahnhof, eine bisher nie gestellte Frage, soll man auf die Bühne klettern und dem Künstler sagen, dass es nicht klänge? Also, nicht die Musik, die er da oben macht, sondern das, was unten ankommt. Und zwar nicht nur nichtklingen, sondern auch extrem wehtuen würde. Soll man? Da man weiss, wie es klingen sollte, da man den Künstler und seine Musik seit Jahren verfolgt, kennt und schätzt, und sich auch auf der Straße wie im Briefverkehr mit Du begegnet. Keine Frage, dass in seinem Monitor alles richtig klang.

Alex war auch dabei, mit seinem Audiotechnik-affinen Stahlblick hatte er bereits das Saalpult erspäht und wusste, mit etwas Eq-ing wäre es getan. Wir wählten also diesen Weg, der leider zur Sackgasse wurde. Der Techniker nämlich stand nicht an seinem Arbeitsplatz. Darf man in das Regelwerk eingreifen, wenn man weiss, dass man weiss, dass man es besser weiss? Darf man nicht. Vor allem, weil der Saaltechniker an sich in neunzig Prozent der Fälle von einer Selbstherrlichkeit beseelt ist, die einem sein Revier verteidigenden, stinkend schnaubenden Bison gleich kommt. Dem man überhaupt nicht kommen darf, ausser vielleicht schulterklopfend: ihn mit einem Pott Bohnenkaffee mit zwei Stück Zucker und Dosenmilch bestechend voll des Lobes beiseite nehmend, um dort mit unterwürfigem Blick zu fragen, ob er vielleicht etwas die unteren Mitten herausdrehen könnte, weil das Gerät auf der Bühne davon bedauerlicherweise zuviel produziere, und man selbst leider nicht vermag, daran etwas zu ändern, von wegen mangelnder Beherrschung des eigenen Fuhrparks. Ich bin hunderten dieser Spezies begegnet, in den Konzertsälen rund um die Welt. Am Allerschlimmsten aber waren die Abende, wenn unser Tourmischer sich mit den Vorort-Operatoren prügeln musste oder genauer: glaubte, das tun zu müssen; wenn zwei Bisons sich ein Revier streitig machen, dann riecht das nunmal nach Ärger. Ich zog mich im Augenblick backstage zurück und ließ meine Stagehand den Soundcheck beenden. Neunzig Prozent, wie gesagt, das heisst, Du, lieber hier lesender Ingenieur, gehörst selbstredend zu den zehn Prozent an rühmlichen Ausnahmen.

Zurück in Berlinnacht: nachdem auch ein zu Rate gezogener Dj sich außerstande sah, zu helfen, den Verbleib des Ingenieurs zu klären, wählten wir Toilettenpapier für die Ohren und Rückzug ins linke Seitenschiff.

Ein paar Verstrahlte blieben auf der Tanzfläche, was aber weniger der Idee geschuldet war, dass diese glaubten, dass es so, wie es klänge, auch richtig wäre, weil der Künstler es genau so haben will, oder sie Konzepte verfolgten wie der Glaube an Bühnenautorität, ein–Konzert–sei–schließlich–keine–demokratische –Veranstaltung etc., sondern ausschließlich ihrer Verstrahltheit.

Es war bereits vier Uhr morgens, wir hingen schlaftrunken aufeinander. Willenlos im Seitenschiff, Toilettenpapier in den Ohren. Ich schaffte es nicht mehr, nach oben auf die Bühne zu klettern, den Freund und Musiker zu substituieren, runterzuschicken, hör Dir das mal an. Hör Dir das mal an! Und dann?:

Abbrechen und nochmals Neuanfangen.

Sagte Klaus Dinger. Als ich ihn in den Goldenen Neunzigern nach einem Kreidler Konzert von Songs erzählte, die nicht so richtig geklappt hätten.

Ein Jahrzehnt später in Prag, beim vermutlich schlechtesten Kreidlerauftritt ever, als Detlef und ich ständig aus dem Sync liefen, das neue MPC-OS dem neuen Logic nicht hinterher kam, und bis auf vielleicht drei Stücke der Abend eine einzige Katastrophe war und nur noch Durchhalten König, da hätte auch das nochmals Neuanfangen nicht geholfen; von jener Nacht immerhin blieben am Ende Fotos, die auf allen möglichen Webseiten auftauchten, tröstliche, ziemlich coole Fotos, bis heute, und kein Flimmern auf Youtube, so wie von der Maria die Freude, sich und Freunde gesehen, wiedergesehen und gesprochen zu haben, und auch kein Flimmern auf Youtube. Thank you all.

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