Shortcuts (Teil 2)

by ikreidler

Mit nacktem gestählten Oberkörper streife ich durch das Unterholz. Das Gewehr fest in der Hand. Euer Wissen darum, dass die Wachmannschaft im Dickicht verborgen ist, dass der Fotograf bei Fuß steht, dass ich nicht nur nicht alleine unterwegs bin, sondern Teil einer großen Inszenierung, wird Euch nichts helfen. Erinnert Ihr Euch zurück an die Zeit, als ihr mich zum ersten Mal gesehen habt? Ihr vermeintlichen Entscheider, die Ihr glaubtet, für alle Zeiten, wie sagt Ihr, das Ruder in der Hand zu halten, um den Tisch versammelt, und der schmächtige Mann, der dienstfertig herum huscht, der einer Frau zu dienen scheint, die das Regiment zu führen scheint? Ich war dieser schmächtige Mann, und ich habe Euer Tuscheln gehört, wie ihr nachgefragt habt, und dann die leise Verachtung, die um Eure Mundwinkel herum spielte – ist er nicht sogar ihr Gatte? ist er nicht etwas kleingeraten? – ich aber war ein guter Soldat, der beste, den ein Offizier sich wünschen konnte und kann und in alle Ewigkeit wünschen wird, Ihr habt das nicht nur nicht verstanden, Ihr habt mich auch zu wenig im Auge behalten, Ihr hättet sehen können, dass ich, wie sagt Ihr so schön, zu Höherem berufen bin, aber ich schien Euch zu unbedeutend, während ich Euch genau beobachtet habe, denn ich verstand Eure Sprache, und ich verstand, Euch zu lesen, Eure Makel, Eure Verwundbarkeit; und dann später, als Euer Versäumen Euch offensichtlich geworden war, und ich den Fernsehreporter freundlich und mit einer gewissen Demut durch die Stadt führte, die da schon die meine war, in dem Land, das bald schon das meine sein würde, auch wenn Ihr das erst langsam begriffen habt, es noch nicht wahrhaben wolltet, Euch aber schon einzelne kalte Schweißperlen auf der Schläfe standen, und Ihr dachtet noch, er ist ja unserer Sprache mächtig, er hat von unserer Kultur genossen, er wird schon einer der Unseren sein, das war ich weniger, als Ihr Euch träumen lassen konntet, Eure Kultur habe ich erschöpft, nur um Euer Versagen zu lernen, Eure Fehler und Eure Schwächen, ich bin einer der Euren? – nein, denn ich stehe weit über Euch, Ihr seid mir untertan, und das musstet Ihr schmerzlich begreifen, und es ist nicht zu Ende, und es wird nie zu Ende sein, denn ich habe Millionen hinter mir.

Schweißgebadet wache ich auf. Ich brühe mir einen Kaffee, eile noch im Morgenrock zu meinem Zeitungshändler, und lasse mir die Gala-Sondernummer über unsere Kanzlerin reichen. Beim Frühstück blättere ich durch Fotografien voll inniger Zuneigung und Sehnsucht: ein Caspar David Friedrich-gleicher Blick von hinten über ihre Schulter, sie dem Meer zugewandt, eine Stichographie, die sie in sommerlicher Tracht nebst Pferd zeigt, die Kanzlerin unter einer Judenbuche sitzend beim Kreuzworträtseln. Beruhigt lege ich das Magazin beiseite und wende mich dem Tagwerk zu.

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