Mask (Teil 4 – „Kiss, Unmasked”)

by ikreidler

»Ein dickes Buch von Onkel Heinz

Das tausch ich um, denn ich hab schon eins«

(Die Toten Hosen, Schöne Bescherung)

Fröhlich bin ich aufgewacht. Mit Alex stehe ich auf der Gästeliste. Waren ihre Alben auch stets etwas durchwachsen, so wiesen sie live doch jede Kritik auf die Plätze. 2008, eines der Konzerte des Jahres. Und wir wussten, der Sänger wird einst in the line of duty sterben, wie Keith Richards es nannte. Er lebt seine Texte. Er lebt den Rock’n’Roll Lifestyle.

Es ist bereits nach Mitternacht. Wir kommen etwas spät, die Halle platzt aus den Nähten, das Konzert ist im Gange. Die Bühne ist nicht zu sehen, nur die in bunte Lichter getauchte schwitzend tobende Masse. Von der Seite her drängen wir uns an das Geschehen. Und hören. Hören Rock. Hören Stadionrock. Irgendetwas läuft heute hier falsch. Ein gnadenloses Durchballern, Refrains zum Mitgröhlen. Der Gesang ist pathosgeladen, irgendwo zwischen Morrissey und Bono angekommen. Auf der Stimme liegt ein nervender Choruseffekt, als möchte sie behaupten, die ganze Halle singe einverstanden mit. Das braucht sie nicht zu behaupten. Denn die ganze Halle singt einverstanden mit. Die Band klingt nach Manchester. Eher Inspiral Carpets als Happy Mondays. Im Grunde aber Chumbawamba. Und wir sehen. Wir sehen auf der Bühne. Einen Frontmann ohne Bruch. Ein Gesicht ohne Schmerz, ohne Zweifel, ohne Narben. Ohne Exzess ohne Rausch. Plötzlich kippen die Worte des Sängers ins Zynische. Er hat einen Weg gefunden, alt zu werden und dabei gesund zu bleiben. Wir wundern uns über das relativ junge Publikum, vorwiegend Mitzwanziger bis Mitdreissiger. Mal etwas stylisher, mal etwas nachlässiger gekleidet. Was gibt er ihnen? Wie hat er es geschafft sie zu adressieren? Weisser Anglersocken-Rock in Berlin, der Stadt, die Protestanten magisch anzieht. Wahrscheinlich spiegelt er sie. Alex meint, in ihren Gesichtern könne man das Bedauern lesen, dass sie dem Rock’n’Roll nicht vor 9 Jahren einen Platz in ihrem Leben gegeben hätten. „Wen aber adressiert Kreidler?”, fragt er. Wir sollten uns vor Beginn unserer neuen Produktion darüber klar geworden sein.

Wen will man adressieren, wen kann man überhaupt noch adressieren? Welcome to the Artworld? Where’s the Pleasuredome!?

Das Publikum heute Abend sicher nicht, obwohl es noch bei dem Konzert vor zwei Jahren nicht so weit weg schien. Die erste Zugabe ist eine freudige Überraschung für uns und Herausforderung an die Masse: ihr bestes Stück, von ihrem zweiten Album. Alex sagt, John Cale covert Human League, ich in einer Spirale der Erinnerung gefangen, sage, John Cale covert Justus Köhncke. Die Melodieführung allerdings, da sind wir uns einig, ist Echo & The Bunnymen. Einen Abend lang Stücke dieser Klasse, und er würde blass werden vor Neid, sagt Alex. Doch schon knüppeln sie wieder drauflos, Elektronikbollerwagenrock, als hätte es Nine Inch Nails nie gegeben. Sauber. So geht das. Amerikanisch. So adressiert man ein tausendfünfhunderter Publikum. Drogenfrei. Und so beginnt Geld zu fließen.

So würden die Toten Hosen klingen, kämen sie aus Düsseldorf. Moment, nicht ganz: die Hosen haben wenigstens Bier.

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