Les ailes du désir

by ikreidler

»Hello Operator,

I mean dad

I mean police,

I can’t even even remember who I A-e-a-e-am«

(Was [not Was])

Ich sitze mit Christian Morin, Chef unserer Booking Agentur, im Hackbarth’s. Einer der Läden, in denen wir uns damals, Anfang/Mitte der 1990er, immer trafen. Als Ausgangspunkt, mit den Tarwater-Jungs, zum Frühstück oder um von da aus zu Kitty-Yo zu gehen, 7inchs zu kaufen. Alleine hätte ich das Hackbarth’s nicht wiedergefunden.

Ich irre durch Mitte wie der alte Mann in – ich sollte mir den Film vielleicht doch noch mal anschauen – Der Himmel über Berlin über den Potsdamer Platz auf der Suche nach dem Potsdamer Platz. Und denke, das kenne ich doch. Alles. Nicht. Wo war es gleich. Hallo, Vermittlung. Und freue mich über von Bonins/Bundschuhs wunderbaren schwarzen Block, der selten dämlich Haus für Kunstsammler gerufen wird, wo um die Ecke der Meerrettich wieder tristes Kassenhäuschen geworden ist. Es ging so rasend schnell; in nicht einmal 15 Jahren.

Das Hackbarth’s ist WLAN freie Zone, wo alle anderen Cafés mit Freie WLAN Zone werben. Ob ich das jetzt gut finde, kann ich auch nicht sagen. Hauptsache Zone, denke ich. Wenn man an der roten Ampel Ecke Torstraße steht, kann man immerhin mal schnell auf seinem iPod Touch Emails checken. Vermutlich wird das Google-Streetview-Mobil den Platz zehnmal umrundet haben. Wer sich in den Restaurationsbetrieb verirren sollte, wird nicht schlecht staunen über die Armada von MacBooks, – Pros, – Airs und of course iPads; im Dunkel, auf der oberen Etage, versteckt sich der Windows-User. Am Cappuccino nippeln sie alle gleich.

Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite hat Headquarter sein Lager aufgeschlagen. Seit gefühlten 100 Jahren; ansonsten ist das obere Ende der Rosenthaler Straße zu einer Ramsch-Hotel-Meile geworden. Im Zweifelsfalle mit angeschlossener Billigfluglinie. Das kennt auch, wer mit der S-Bahn in der Innenstadt unterwegs ist; beispielsweise zwischen Hackescher Markt und Tiergarten, wo jede Willy Brandt-, oder war es Ernst Reuter-?, Mietskaserne nun ein Hotel ist. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass das vielleicht noch fünf Jahre lang gut gehen mag. Sobald die dann übrig gebliebenen Fluglinien den Willy-Brandt-Airport Berlin-Brandenburg-International wieder mit einer nachvollziehbaren Preisgestaltung anfliegen werden, wird sich auch der Strom der Easy-Traveller brutal reduzieren.

Anfang/Mitte der 1990er kam ich gerne nach Berlin, vor allem nach Mitte, mal auf den Prenzlauer Berg, mal auf den Kreuzberg, blieb gerne ein, zwei Wochen und fuhr dann gerne wieder zurück ins Rheinland. Im Winter stach der Kohlenstaub in der kalten Lunge, im Sommer versanken die Stiefel in der warmen, dampfenden Hundekacke. Und der ganze Trash und Häuserschrott, „wie könnt Ihr damit umgehen”, fragte ich Natascha und Yvonne. Aus der Nähe konnte ich kaum mehr unterscheiden zwischen Endart, Tacheles, Dead Chickens einerseits und Blixa Bargeld andererseits. Berlin schien mir zum ersten Mal als Möglichkeit im Frühling  2008. Was es war, weiss ich auch nicht. Vielleicht einfach der Frühling. Oder der Himmel. Oder das Alter. Jedenfalls kam ich weder als Apologet von Baudrillard, noch als Wahlkämpfer für Ströbele. Naja, letzteres aus melancholischer Nostalgie vielleicht schon eher.

Ich zeige auf einen schick renovierten Altbau. „Das da, das war aber nicht der Eimer, oder?”, frage ich Christian. „Das da, das war der Eimer”, antwortet Christian. Im Eimer hatten Kreidler im April 1996 einen unglaublichen Auftritt. Jutta war aus Hamburg angereist mit Stefan Strüver, gerade von Rough Trade weg und nun der A&R, der K7 ins elektronische Fahrwasser bringen sollte. „Was für ein Programming!” sagte Stefan zu Jutta. „Programming?”, antwortete sie, „schau mal, Thomas spielt das auf dem Schlagzeug!” Das Stück hiess Hillwood. Wie der Name andeutet, musste Thomas gegen die Holzkiste halten. Es war unglaublich. An viel mehr erinnere ich mich nicht mehr, vielleicht hatte die Hausapotheke ein Wörtchen mitzureden; nach uns rockten Digital Hardcore DJs das Publikum zu Klump. Der Eimer war ein Laden, wo die Meute eine Etage unter dem Musiker stand und man durch ein riesiges rausgebrochenes Loch im Boden miteinander kommunizierte. Wo war noch Mal die Kronenstraße, was war noch Mal der Friseur? Das Mutzek auf der Invalidenstraße wurde zum Panasonic. Läden, in denen Kreidler 1995 gespielt hatten. Auch damals ging es schon rasend schnell. Aber mit einer anderen Energie: „Oh, sollen wir nicht noch in die Bar gehen, die in dieser ehemaligen Kartoffelhändler-Bude ist?”, fragten wir Robert Lippok bei unserem Hauptstadtbesuch zwei Monate später; „Gibts schon lange nicht mehr. Wir gehen zum ehemaligen Fahrradhändler”, antwortete er. Wo war noch Mal das erste WMF – wo Detlef und ich zweimal als Binford gespielt hatten? Am Monbijoupark wird bald eine Mega-Shopping-Mall entstehen, mit integrierten Cityappartments – to whom they may concern. Das letzte Bauvorhaben wird dann wahrscheinlich dieses eine einsame Haus, halb Ruine, halb Mensch, auf der Linienstraße sein, das der jüdischen Gemeinde gehöre, so sagt man, das man von Wolfgang Joops Balkon aus sehen kann oder, wo wir doch schon beim Himmel waren, von Wim Wenders Wohnung aus, auf der Torstraße.

Die Torstraße selbst aber, die ich Anfang/Mitte der 1990er auf meinem Falkplan von 1989 immer verzweifelt suchte, irgendwo in der Nähe der Wilhelm-Pieck-Straße muß sie doch sein, die Torstraße hatten die Kriegsgewinner als erstes umbenannt, aber ansonsten, und das ist eigentlich ziemlich erstaunlich, nie in den Griff bekommen. Sie heisst uns Hoffen und erstrahlt bis heute in ihrer urbanen, erhaben radikalen Hässlichkeit.

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