Eimer

by ikreidler

»Jemand steht auf einem Eimer,

mit der Hand droht er

und stößt Wolken in das Land.«

(Franz Josef Degenhardt, Hochzeit)

Meine erste Lesung: gleich das Wiederholen einer Idee von Mai 1993. Eingeladen waren wir damals von der Pulheimer Popgazette Snap und Finlayson, das nach dem Dritten im Bunde von Laurel und Hardy benannte Kölner Label, das zwei Jahre später ein titelloses Kreidler Minialbum veröffentlichen sollte, das als Sport in die Geschichte eingehen sollte. Eingeladen waren wir, neben einem Teufelsdutzend anderer Bands, in den Ehrenfelder Club Underground, mit dem Auftrag, zwei Fremdkompositionen aufzuführen. Songs for Various Occasions. Wir waren Deux Baleines Blanches und in unserem Repertoire befand sich Bowie/Pops Nightclubbing, Sundown von Lee Hazelwood oder auch Die Herren dieser Welt von der göttlichen Hildegard Knef. Für diesen Abend aber hatten wir Franz Josef Degenhardts Hochzeit einstudiert und einen Comic von Felix Reidenbach.

Ich hatte die Rollen verteilt, wer was liest, wie man überhaupt einen Comic vorliest, ohne Bilder zu zeigen, insgeheim hegte ich dabei auch den Plan vom Vier-ernsthafte-junge-Männer-machen-ernsthafte-Musik-Image wegzukommen, das uns verfolgte, das wir erst mit Kreidler einigermaßen später einigermaßen los wurden. Abgesehen davon schien mir 1993 die Comiczeichner-Karriere immer noch als Option – das erste Kreidler Bandinfo wurde auch eine Bildergeschichte – und Reidenbachs Die Niedlichen regierte sowieso. Doch just in dem Moment, als wir auf die Bühne treten sollten, entschlossen wir uns, statt Reidenbach eine Eigenkomposition zu spielen – direkt vor uns war ein Künstler aufgetreten, ein Witzbold gleichermaßen, der einen wirklich witzigen Auftritt absolviert hatte. Details sind mir verloren, aber die Erinnerung ist wach, wie blass wir vor Staunen waren und uns nun erst recht nur noch vorkamen wie vier-ernsthafte-junge-Männer-versuchen-auf-bescheuerte-Weise-von-eben-diesem-Image-wegzukommen. Wir spielten also Hollywoodschaukel und dieses Stück wurde auf die diesen Abend nachträglich flankierende Cd–Compilation geschaltet;  bei Degenhardt hatte Stefan den Text verbaselt, er erfand Textstellen wie “am Schirmchen zieh’n”, was mit unserer spröden Instrumentierung, eigentlich auch ziemlich lustig war, zumindest charmant, und zumindest für ernsthafte junge Männer. Die bearbeitete A3 Reidenbach Folie wanderte in meine Deux Baleines Blanches Asservatenkammer.

Siebzehnjahre Jahre später. Eine Idee steht vor ihrer Volljährigkeit. Ich lese einen Comic vor. Vor Publikum vor. Catherine Despont hatte mich zur Berliner Ausgabe der Pentales Night eingeladen: das Thema war, wie zuletzt in New York, Crime and Punishment. Dazu waren mir irgendwie nur Bildergeschichten eingefallen, Jugenderinnerungen aus den 1980ern, als ich Hefte wie Roy Savoi und Aaargh! herausgab. Publish and Be Damned. That’s what we was. Ich wählte Ein Unfall, eine wüste Grafiknovelle aus spätpubertären Zeiten. Geht mir zum Teufel mit Euren Beamern und Keynote–Präsentationen.

Den Bildanteil übersetzte ich mit Kritzelkratzel, und untertitelte simultan ins Englische, noodling and doodling.

Natürlich wurde in dieser Nacht viel Tagebuch vorgetragen. Tagebuch um Tagebuch. Und noch einmal Tagebuch. Gerechtigkeit verschafften dem Abend aber vor allem Catherine mit ihrem Frauen-in-Cellblock-Number-Nine Alptraum, Zaza Rusadze mit einer beklemmend hübschen Waffenszene aus seinem neuen Drehbuch und Barry MacGregor Johnston mit drei Gedichten, die er in fulminanter Art in einem Duktus, der an einen jungen, höflichen Henry Rollins erinnerte, vortrug.

Zu Zigarette und Alkohol suchten wir das Gespräch. Barry war aus Los Angeles angereist; in seinem wirklichen Leben malt er Bilder und ist in der Stadt, weil Micky Schubert ihn ausstellen wird; natürlich spielt er auch Musik und war begierig alles zu erfahren von den Anfängen von Kreidler, von den Spokenword–Abenden, von Politik, Party und Aufstand, und wie wir das Wort dann suspendierten. Dann schlug die Turmuhr Zwei, die Gneisenaustraße wurde geräumt, und den anvisierten Barbesuch schoben wir spontan auf Samstag Richtung Berghain.

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