Slavoi (Žižek)

by ikreidler

»Der Sohn ist für die liederliche Haltung des Vaters nicht verantwortlich, die Mutter aber trägt keine Schuld«, kreischte Ippolít, der sich sehr ereiferte.

(Fjodor M. Dostojewski – Der Idiot; übersetzt von E. K. Rahsin)

Kommunismuskonferenz. Natürlich in der Volksbühne. Badiou, Negri (verpasst) und Žižek als Headliner. Žižek, da birst der Theatersaal. Natürlich. Er macht ja nicht nur auf Showebene Spaß, sondern auch in der Theorie. Superpunk eben. Und wenn es unsauber wird oder salopp oder flapsig wird, dann liegt das eben daran, dass er zuviel im Kopf hat, zu viele Nebensätze, Referenzplätze, Ablenkungen, die man auch noch mitdenken muss, Assoziationsketten, dass es verwirrend wird, wie man selbst es ja auch ist, weil der Mensch in der Regel ja auch nicht wirklich zu Multitasking fähig ist, schon von seiner Anatomie her strenge Grenzen gesetzt kriegt – wo aber zukünftig noch einiges möglich werden sollte, auch ohne Biotec, also schlicht mit Darwin –, wo Žižek im Aufsatz das schon strukturiert kriegt, im Vortragen aber immer wieder in die freie Rede verfällt, so wie man sich einen Vortrag ja auch wünscht, und man dann das Gefühl hat, er überrascht sich selbst mit einem seiner Gedanken, aber dabei natürlich eine Konstante hat, nämlich Links heißt vorwärts, und darüber muss man ja gar nicht diskutieren, ist ja keine taz- Veranstaltung hier, und diese Wolke aus Gedanken und Bildern, die in einem ein ums andere Mal neue Ideen antriggern, das ist phänomenal.

Als Žižeks Genius das erste Mal aufscheinte, in einem Gespräch in der lange verflossenen Heaven Sent, jener Frankfurter Zeitung gemacht von einer Horde überdurchschnittlich begabter Menschen, July People wie Jörg, Dietmar, Barbara, Manuel oder Martin, die hier bereits aufgetaucht sind oder noch auftauchen werden, und in einem Mervebändchen Liebe Dein Symptom wie Dich selbst, das mir wirklich Vademekum wurde, völlig zerfleddert in der Bluejeans, Hosentasche hinten links, Ratgeber in verqueren Zeiten und Trost bei mancherlei Unbill, wie Žižek Populär-und Trivialkultur zur Theorie erklärte und mit Lacan, Hegel und Marx illustrierte, wow! lebensrettend. Inmitten eines Jahrzehnts als Köln noch zurecht Hochburg gerufen wurde, und ich die Gleise der Interregiostrecke von und nach Düsseldorf heiß laufen ließ, da veranstaltete Tanja Grunert in ihrer Galerie eine Vortragsreihe, wo auch ein Lacanist sprach. Tagsdrauf in der Schule erzählte ich meinem Psychosemiotik-Lehrer davon und von Žižek, und wie Ljubljana, das kein Mensch kannte, vor ein paar Jahren plötzlich durch diese seltsame NSK Gruppe auf die Poplandkarte gesetzt wurde und erzählte ihm von Diederichsens Text über Laibach, wo er dann zurückfragte, ob DD ein Behaviorist sei, »Nein Nein!«, aber auch die Spex nicht kannte, und er bat mich dann um ein Referat über Žižek, den er auch noch nicht kannte – interessanterweise zeigte er im Unterricht Kinofilme, Hitchcock (!), Buñuel, irgendeine Hollywood-Katastrophenkomödie mit Tom Hanks, anhand derer er uns Strukturalismus und Psychoanalyse beizubringen versuchte  –, Lacan und die Franzosen natürlich schon und so Typen wie Kittler, Bolz auch – es war ja auch die Zeit, als von der anderen Seite her wieder zurückgeschossen wurde, wo Migranten gehetzt wurden und diese ganzen Geschichtspessimisten und Geschichtsrelativierer Oberwasser bekamen, Neocons in Verlagen wie Klett Cotta oder Matthes & Seitz veröffentlichten, Botho Strauss, Baudrillard, Gerhard Merz, als selbst ein bis dahin unverdächtiger Autor namens Enzensberger Sadam Hussein mit Hitler gleichschaltete. Das Referat jedoch hatte ich lax mit meiner Doktorenhandschrift (immerhin!) in Stichworten hinstenografiert, weil ich ja eh wusste, worüber ich rede (eben nicht!) und ins Straucheln geriet, und dann das Gekritzel nicht entziffern konnte, also – wie weiter oben schon gesagt – mit Musik auf Bühne kenne ich kein Lampenfieber, im Sprechen vor Gruppe aber versagt mir alles, damals half mir mein Dozent, fragte nach, überbrückte, unterstützte und übernahm.

Eine Freundin, eine in Moskau lebende marxistische Poetin und Philosophin, erzählte, dass dieser expressive, gebärdenreiche, rastlose Žižek, den jeder mindestens von Youtube her kennt, ehemals der private war. Und dass Žižek erst zu dem Žižek wurde, den jeder mindestens von Youtube her kennt, oder vielleicht sogar zu Žižek wurde, als er diese Trennung von privat und öffentlich aufgab. Der Idiot, im Wortsinne, der, der das Private ins Öffentliche trägt, ver-wechselt, ver-tauscht: bei Žižek natürlich reflektiert. Liebe Dein Symptom wie Dich selbst.

Seit dem bewahre ich meine Wäsche in der Küche auf.

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