Ted (Schwabingg)

by ikreidler

Er hatte auch schon ein paarmal vorsichtig, offenen Widerspruch vermeidend, jedoch prahlerisch die Vorzüge des englischen Boxens angedeutet und sich als entschiedenen Verehrer des Westens zu erkennen gegeben.

(Fjodor M. Dostojewski – Der Idiot; übersetzt von E. K. Rahsin)

Ich sehe Theater. In der Volksbühne. Was mache ich, der ich doch ausser Rainald Goetz kaum etwas im Theater gelten lasse, im Sprechtheater gelten lasse, überhaupt hier? Nun, Ted Gaier  hat gerufen. Und Ted Gaier ist bekanntlich ein Großer.

Brecht für Eure Gesundheit schrie uns die Graffiti auf dem Weg zur Schule entgegen. Es war so um Tschernobyl und wir arbeiteten gerade an einer Inszenierung der Dreigroschenoper. Die Musik AG, die Theater AG, ich war in der Bühnenbau AG mit den Kulissen beschäftigt. Gymnasium, 10. Klasse. Und hatte ein Gipsbein. Brecht für Eure Gesundheit.

Ich war pünktlich in dem Moment zurück im Großen Sendesaal der Volksbühne als das Schwabinggrad Ballett einmarschierte. Sie tröten und trommeln, und alles ist gebrochen und auch etwas lustig – wie bei Brecht, das ist ja auch immer etwas lustig, da geht was – und sie laufen von hinten oben ein, aus dem so genannten Zuschauerraum hin zum Künstlerraum, der so genannten Bühne. Eine solide Band natürlich, und natürlich solides Deklamieren. An den schicken Hamburger Stadtguerilla Outfits gab es auch gar nichts auszusetzen.  Unterm Strich ein ziemlich gutes Konzert. Krautrock Agitprop 1968er Discotheater: das Vuvuzelastück, die Fidel, der Goldene Zitronen–Drumcomputer, Aerobic Dansé, choreographiert chaotischer Instrumentewechsel, mehrstimmiger Gesang, und – mit am Besten – ihre Langzeituntersuchung, eine Voodoo-Seance, mit der ein Hamburger Neubau zum Kippen gebracht wird. Werden soll. Werden wird.

Manch Ton und Unterton geriet aber doch etwas verbissen ernsthaft. Als ginge es hier um etwas. Im bürgerlichen Theater. Ein Rätsel, der Vorwurf an die befreundete Band, die sich an die Jägermeister Rockliga verdingt hatte, dass sie sich an die Jägermeister Rockliga verdingt habe. Anstatt sich von den staatlich subventionierten Bühnen zu nähren? Staatlich subventioniert. Staatlich. Liest Du schon Die Zeit oder noch Lettre. Liest Du schon taz oder noch die FAZ.  Rätselhaft auch, warum einer der Musikanten meinte, den Eintrittspreis zur Idee des Kommunismus Konferenz kommentieren zu müssen, weil er seiner maßgeblichen Meinung nach zu hoch sei. Für ein dreitägiges Programm, wo das Schwabingrad Ballett selbstverständlich für die gute Sache auf ihr Honorar verzichtet hat, hatte, hätte. Oder vielleicht doch nicht. Schliesslich, wer hatte je behauptet, dass es Kommunismus umsonst gäbe? Daneben verschwieg er in feinstem Bildzeitungspopulismus die 50% ermäßigten Karten und Tagestickets. Was aber zumindest von Teilen des Publikums wohlwollend johlend angenommen wurde. Theaterdonner. Abgang wie Aufgang. Brecht für Eure Gesundheit.

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