Gio (Spike)

by ikreidler

the soul of a broken circle
for gio ( f.n.)

when i went to the swiss
for the beautiful light and bright
colors quite irritated a vertigo-
like character.

my life was only a dream.

or vice versa so far.
but now lost in between mountains
or what i expected
did i expect.

then soon locked up in a velveteen room
i could not help it
when i gave answers to but
nobody questioned.

this is not my diary
this is not the place wanted me to stay
this is something different.

it’s my lifetime in sanity.

Spike hatte bei mir einen Text über die Kunstszene von Mediterranien bestellt. Für vier beigeordnete Portraits fehlte dann leider der Raum. So fiel auch Gio Sumbadze raus.

Gio hatte ich Oktober 2000 in Moskau bei der Ausstellung Art grus kennengelernt. Als die Stadt mir als die beste der Welt galt; obwohl Putin schon herrschte und Lushkov regierte. Wir fanden überall Kontakt und Türen öffneten sich. Wir wurden an Warteschlangen vorbei geschleusst, sassen in VIP-rooms, die eher niedlich denn mondän waren, gingen in eine Saunadisco und in coole Undergroundclubs. Alles schien jung, offen und war im Aufbruch. Wir  fuhren stundenlang in der wunderbaren U-Bahn (natürlich im Wissen, wer sie wann wie bauen liess), besuchten absurde Surab Tsereteli-Skulpturen, ein Fernsehstudio aus Sowjetbestand, das Kaufhaus Gum und assen Abendbrot in einer wunderbaren Hochhauswohnung in einer Vorstadt nahe dem fantastischen Park der Die Allunionsausstellung. Vier Jahre später, bei meinem nächsten Aufenthalt, empfand ich nur noch Abscheu. Die defekte Demokratie war in eine unbarmherzige Diktatur übergegangen. Xenophob, homophob, heterophob. Eine bedrückende Atmosphäre lag über der Stadt.

Damals aber nahmen Gio und ich uns sofort einander an. Er war blutjung, sprach fliessend Deutsch und hatte bereits alle Drogen der Welt ausprobiert. In der Ausstellung zeigte er Videoarbeiten in einem grafischen, seriellen Minimalismus: die Kamera verfolgt Stromkabel, endlos, mit Brüchen und Neuansetzen; in einem anderen schnitt er Architekturaufnahmen so, dass sie einen musikalischen Rhythmus entwickeln; in wieder einem anderen reihte er in ruhigen Einstellungen Portraits mediterraner Jugendlicher aneinander – alle Videos könnten ewig weiterlaufen, wären sie als loop gedacht, es sind aber Kurzfilme, die loops imitieren, Kurzfilme, die man von Anfang bis Ende betrachten soll.

Gio hat einen ordnenden Blick, er ist ein Weltenvermesser. Seine Arbeiten haben etwas Archivarisches, Grenzen zwischen Dokumentation und Eingriff lässt er verschwimmen.

1994 war er zum ersten Mal Mitglied in einer Künstlergruppe, ოთხი ზალი. Ein Phänomen in Mediterranien: der im Westen und vom Kunstmarkt so geliebte Einzelkämpfer ist hier die Ausnahme. Natürlich sind auch die Künstler hier Individuen; aber sie finden sich doch immer wieder zu Gruppen zusammen, sei es projektbezogen oder für einen längeren Zeitraum. Gio war/ist beispielsweise Teil von goslab, shizlab, Inf.Act, Lift oder bolder.

Im Winter 2000 traf ich Gio in Berlin. Wir waren auf Kreidler-Momus Mnemorex Tour. Nick hatte am Vorabend mitgeteilt, dass er uns die Gefolgschaft kündigen wird. Die Stimmung war gereizt. Ich versuchte zum Abschied eine versöhnliche Brücke  zu bauen, und lud ihn mit ein zu einem Frühstück bei Jörg (Impressions d’Afrique). Unter den versammelten Mediterraniern war auch Gio, und er machte eine Fotosession mit Nick und mir.

Im darauf folgenden Februar kam ein Päckchen. Gio hatte ein sehr schönes Video zu Sans Soleil gedreht. Aus Motiven, die er in Cannes gefilmt hatte. Eine düstere Liebesgeschichte. Meist dunkle, nächtliche Aufnahmen. Bilder aus dem Hafen, die eine ähnliche Atmosphäre wie Szenen aus John Carpenters Prince of Darkness, Begegnungen, Aufzugsszenen mit einem russischen Modell, Auffahrten, Lichter, ein Zittern. Ein Film der projiziert werden muss, der die große Leinwand braucht und die Tonspur Lautstärke.

Das nächste Mal traf ich Gio in Sonsbeek,  wo er ausstellte, und danach in Düsseldorf. An der Wand in unserem Studio The Park hing jahrelang ein Foto, das ihn mit seiner damaligen Freundin Nino zeigt, vor dem Kreidler  – Weekend Poster stehend, er mit einem Messer in der Hand, mit unschuldigem Blick zwischen Heroin-Chic und bösem Throbbing Gristle Motiv.

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