Anna (Spike)

by ikreidler

Er befindet sich in einer beunruhigenden Situation, weil er über den Verlauf des weiten Horizonts im Zweifel gelassen wird und diesen nicht einmal über einen der vor ihm liegenden Pfade erreichen kann, da diese entweder blind im Felde enden oder aber aus dem Bild hinauslaufen.

(Meyer-Schapiro, Vincent van Gogh, Köln 1961)

Das zweite Portrait wäre Anna gewidmet gewesen.

Anna ist vielleicht die quirligste, aufgeweckteste, neugierigste Person, die ich kenne. Sie ist gerade mal 24 Jahre alt, studierte mit 16 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, nachdem sie zuvor innerhalb von Monaten Deutsch gelernt hatte, wechselte dann nach Düsseldorf bei Hubert Kiecol, den ihr Wissensdrang aber überforderte, dass er sie nach vier Semestern aus seiner Klasse schmiss; in Georg Herold fand sie einen neuen Professor und wenig später zusätzlich in Christopher Williams, bei denen sie diesen Sommer sie ihren Abschluss machen wird.

Anna K.E.s Familie ist exemplarisch für ein bürgerliches Mediterranien, was ich kennen- und lieben gelernt habe, das es heute meist nur noch am Rande der Armutsgrenze gibt, und im Erinnern. Ein Bürgertum, in dem die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur immer essentiellster Bestandteil des Alltags war, eine Idee des Kommunismus, die nichts mit dem sie umgebenden realexistierenden Sozialismus zu tun hatte. Eine Idee, wo Kinder in einem kreativen Umfeld aufwuchsen, in einem friedlichen Umfeld, unter Freunden aufwuchsen.

Annas Großmutter Lia war eine berühmte Filmschauspielerin, ihre Mutter Keti ist Malerin, ihr Vater Gia Künstler.

Anna ist Bildhauerin. In einem  quirligen, aufgeweckten, neugierigem Springen von Material zu Material baut sie Skulpturen zwischen emotionaler Sinnlichkeit und souveräner Nüchternheit. In ihrem Atelier arbeitet sie an Bruchstücken, die sie dann im jeweiligen Ausstellungsraum fertigstellt. Natürlich zeichnet, malt und collagiert Anna auch; ihre Papierarbeiten sind meist abstrakt geometrisch, wirken oft wie Entwürfe für zukünftige kühne Plastiken.

Ein Ankerpunkt: die Einladung ihres Vaters, Musik bei einer Performance einer seiner Künstlergruppen zu spielen; Anna war auch dabei, und ihr Freund Florian – ein Berliner Kind, das es ins Rheinland gezogen hatte; ich war an anderen Orten und konnte leider nicht folgen. Dieses Frühjahr aber beschallte ich die Eröffnung von Shelter, ein temporärer Projektraum auf der Ritterstraße in Köln, hinter dem Annas Freund Florian mit stand.

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