Vasha (Spike)

by ikreidler

Als ein anderer Abgeordneter einwarf, daß die Nationalversammlung doch nicht die Vernichtung der Statuen legalisieren könne, wurde ihm erwidert, es sei die Pflicht, Charakterstärke zu beweisen, und nicht vor der Zerstörung aller Denkmäler des Despotismus, des Vorurteils und Hochmuts zurückzuscheuen.

(Paul Wescher, Kunstraub unter Napoleon, Berlin 1976)

Kreuzberg. Im Regen. Dritter Hinterhof. Beatparty. Vashas Geburtstag. Die Gäste stehen an den Rändern, Gimme Shelter, Überdachungen, Hauseingänge. Verwegene Cocktails, kaputte Beats, lustige Zigaretten.

Vasha hatte ich vor etwa einem Jahr in Berlin als Elenes Freund kennengelernt. Elene kannte ich über ihre Eltern, aber auch vom Kreidler Auftritt in Mediterranien. Vasha Chachkhiani ist Kommunist, sagt er. Und er meint das auch so. Er hatte Mathematik studiert, hatte Informatik studiert, brach beides ab und ging an die Kunstakademie. In Mediterranien. Da war er gerade mal 18 Jahre alt. Die Akademie ist in einem herrschaftlichen Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert untergebracht. Der Unterricht ist dementsprechend. Antiquiert und autoritär. Vasha gründete damals mit 10 Freunden das Studio for Contemporary Art –  in der Akademie, gegen die Akademie. Mit einer Reihe von Ausstellungen quer durch Tbilisi erlangten sie solch eine Präsenz, dass dem Rektor nichts anderes übrig blieb, als sie vier Jahre lang gewähren zu lassen. Selbst nachdem sie Lehrkräften jeglichen Zutritt zu ihrem Institut verwehrt hatten.

Mit dem eigenen westlich arroganten Blick nennt man die Arbeiten, seine Arbeiten, die damals entstanden sind, naiv. Aber in Mediterranien herrschen nunmal andere Dringlichkeiten. Einmal zog er nachts über den zentral im Rektoriatsbereich hängenden Kronleuchter zweihundert Kondome. »You are all wankers.« Die konservativen Tutoren knüppelten Vasha zusammen. Mit Schädelbruch wurde er ins Hospital eingeliefert. Chachkhiani sagt, worum es ihm gehe, sei »to prompt conflict in the people’s mind in a relation to the established order given by the systems«. Seine Arbeiten sind volkstümlich, in dem Sinne, dass er versucht, mit einfachen Mitteln möglichst viele Menschen zu adressieren. Er legt seinen Finger in offene Wunden. In einem Video bekreuzigt sich eine Gruppe junger Menschen in einem Autobus (was in Mediterranien in den letzten Jahren beim Passieren eines orthodoxen Kirchenbaus zur hysterischen Mode geworden ist); dabei legen sie ein immer höheres Tempo zu, und enden in einer surrealen Raserei, bei der man an die Trauerzug-Episode in René Clairs Entr’acte von 1929 denken muss. Die Diplomarbeit (in Fine Arts) seiner Künstlergruppe LOTT war eine neunminütige Performance namens Wet Circle: im Kreis sitzend spucken die Studenten sich reihum ins Gesicht. Professor Georgi Kevle, der sie dabei betreute, wurde bald danach entlassen, ihr Studio geschlossen. Close-Up hiess eine andere Arbeit von Vasha, die während seines einjährigen Aufenthalt an der Gerrit Rietveld Academie entstand. Nahaufnahme, oder – aus dem Pidgin Englisch ins Deutsche – Schliess auf: Er installierte sie während der Rundgangspräsentation. Dabei vernagelte er den Zugang zum Ausstellungsraum mit Brettern. Muss man erwähnen, dass weder Mitstudenten, Professoren, noch die Administration das lustig fanden? Schliesslich geht es bei den Jahrespräsentationen der Kunstakademien seit bald einem Jahrzehnt nicht mehr um Kunst sondern nur noch um Ökonomie; kein Zeigen von Arbeitsprozessen oder Entwicklungen, sondern das Gieren nach dem schnellen Geld, nach dem Kunstmarkt, Kapitalismus verseucht klemmen die Studenten ihre Visitenkarten hinter die Bilder. So rissen sie auch Vashas Barrikade ein. Er nahm es gelassen, »the installation Close-Up became the performance Close-Up«. Und zeigte die Arbeit ein Jahr später, wo er den Eingang einer Galerie in Meditarranien verschloss. Vielmehr dann doch auch wieder nicht: Vasha Chachkhiani erkrankte zuvor. Windpocken fesselten ihn in sein Apartment.

Heute lebt er in Berlin, und Gregor Schneider hat ihn in seiner Klasse aufgenommen.

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