Tag 5

by ikreidler

Wir sind zu dritt. Ich korrigiere: mit Tobias zu viert. Wir probieren, editieren, musizieren. Der PPG will nicht recht passen; aber das Mellotron. Genau. Zeit, sich ans Mellotron zu setzen. Detlef sucht loops am Evolver. Alex spielt noch einen Bass ein. Er hat sein Ticket für Samstag Detlef gegeben und wird bereits heute Abend nach Berlin zurückfahren.

Wir hören durch die Aufnahmen und wählen die besten Takes aus. Manche Songs werden wir noch etwas zurechtrücken müssen. Auch ein paar Keyboards rausschmeissen, denke ich. Alex will im Nachtzug zwei Stücke so vorbereiten, dass wir am nächsten morgen bei Hannes direkt mit dem Abmischen beginnen können.

Detlef kränkelt. Macht sich auf den Weg. Ein kühler, nasser September. Ich bleibe alleine mit Tobias, packe die Rick Wakeman »The Six Wives of Henry VIII« ein, wir brauchen fast eine Stunde, um die ganzen Audiofiles und Logicarrangements auf die externe Festplatte zu überspielen.

Tobias legt den Sicherungsschalter um und schliesst ab. Wohin jetzt ich. Es regnet. Wo ist zuhause Mama? Wohin, nicht: jetzt. Einfach nur: Wohin. Ich, vielleicht. Vielleicht, ich. Ich verwirre mich. Tobias bricht seinen Heimwegplan ab und begleitet mich zur Mutter. Ober! Korn. Und zwei Bier. Alkohol, sei Du mein Hirte. In trauriger Ratlosigkeit.

Da, ein anderes Zeichen. Es steht ein weiterer Kantemusiker hinter mir. Felix nennt er sich. Er spielt auch bei Sport – wie Christian, unser Mann von Rückkopplung. Und Felix ist auch Mitglied in der Riege der Wahlberliner. Er ist für das Derby in den Norden gefahren. Wir sprechen uns das erste Mal. Und für den Weg durch die Dunkelheit gibt er mir den Traum seiner Freundin von letzter Nacht mit:

Sie befand sich an Bord eines Schiffes, in einer bergaufwärts führenden Fahrt unterwegs nach Shanghai. Sie mochte zwar keine Schiffe, hatte allerdings auch Flugangst. Sie wollte eine Freundin besuchen, die nach China umgezogen war. Die Reise wurde regelmässig unterbrochen. Der erste Stopp war in Bremen, wo sie ein Kreidler Konzert besuchte. Kreidler hielten allesamt kleine Kästchen in der Hand, die sie mit einem Stift bedienten. Einer der Bandmusiker forderte sie von der Bühne herunter dazu auf, den an diesem Abend fehlenden Bassisten zu ersetzen. Sie antwortete: sie wüsste nicht, wie das gehen sollte. Das sei kein Problem, antwortete der Kreidlermusiker, »schau mir über die Schulter und mach mir einfach alles nach«. Das tat sie dann auch und sah, wie er eine Katze nach der anderen zeichnete, wodurch die Musik generiert wurde. So spielte sie eine Dreiviertel Stunde lang ein Kreidler Konzert mit.

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