Stars, Wars

by ikreidler

Dann ging ich zu Marcus Schmickler, was mich wieder erdete.

Im Hörsaal H104 der Technischen Universität, dem Raum mit den 11.000 Lautsprechern ritt er mit Super Collider eine Soundattacke ohnegleichen. Er schlug uns schmatzende Insekten um die Ohren, er peitschte uns durch Gewitter der Unbarmherzigkeit, er schmiss uns in Bäder aus flüssigem Metal. Seine Musik war so diesseitig, wie Musik überhaupt nur sein kann. Töne, Kluster und Klumpen kamen nicht einfach aus irgendwelchen Richtungen, sie hingen in der Luft, vor einem, hinter, neben und über einem. Wellenfeldsynthese. Über 2000 Lautsprecher, 832 Audiokanäle, und ein Haufen Linuxrechner, die das System steuern. Ein akustisches Raumerlebnis, wo, auf anderen Ebenen, nur das Berghain und die Chöre und Soli der Tödlichen Doris mitkommen.

Was Marcus Schmickler aufführte, war eine Planetensymphonie. Keine Illustration, eine Verwandlung von Zahlenreihen astrophysikalischer Beschreibungen in tonale Anordnungen. Ich hörte zwischen einer Hundertschaft von Physikstudenten der höheren Semester (ja, es war ein Männermusikabend, oder vielleicht besser ein Jungsmusikabend, an der Marginalie sassen ca. 5% Studentinnen).

Wer auch immer auf Schmickler gefolgt wäre, hätte es natürlich ungemein schwer gehabt. Aber Alberto de Campos Super Collider Remake des Steve Reich Feedback-Stückes mit den pendelnden Mikrophonen war schon von zu Hause aus einfach zu gemütlich, wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit SC überhaupt verwenden kann. Alex und ich gingen in der Halbzeitpause.

Auf der Straße herrschte der Berlintypische Berlinterror, wo man nicht wusste, wohin jetzt gehen. Zur Super Collider Aftershow Party, zu Rafael Horzons Berghain Galapartie zu seinem defätistischen Entwicklungsroman Das Weiße Buch, oder, wofür uns entschieden, zum Alexanderplatz, wo Alex und ich in der um den Fernsehturm gewickelten zukünftigen Chinesischen Botschaft, dem ehemaligen Ausstellungsraum für das Volkskunstschaffen, und über die letzten Wochen Projektraum Splace, mit basso Bar, unter anderem kuratiert von Juliane Solmsdorf, die ich seit ewigen Zeiten kenne, vor ewigen Zeiten in Köln kennengelernt hatte, als die Chicks on Speed anfragten, ob ihre Videooperatorin bei uns übernachten könne, während der Popkomm (von so ewigen Zeiten spreche ich!!), und die Videooperatorin war Juliane, sahen wir also eine schöne Performance von Sunah Choi, die mittels eines Overheadprojektors Bilder auf die Wand legte, und einen schönen Animationsfilm von Thomas Bayrle, wahrscheinlich 70er, der das morphende Erzählen seiner Grafiken in schwarz-weisse Realbilder übersetzte, und traf ich Simone und Fanni und Jens und Florian, den Bruder des berühmten Koches, und Anna und lernte ihren Freund Holger kennen, wo ich nicht direkt zu wagen fragte, Du bist doch, und schon mal gar nicht, Du siehst ja aus wie, sondern mich vorsichtig herantastete, bist Du Musiker, und auf sein »Ja« hin dann doch sicher war, Holger Hiller!? Lernte also die Person kennen, die mich im Alter von vierzehn Jahren anregte, Songtexte zu schreiben, vielmehr Songtexte auf deutsch zu schreiben. Wir tranken Sekt aus Plastikbechern, rauchten handgedrehte American Spirit und sprachen über sein keine-Tonträger-mehr-machen, über mein Schallplattenmachen, über Moskau und Sibirien, das Komponieren und das Patchworking, tauschten Adressen, dann verabschiedeten wir uns, ich blieb und ich trank noch mehr, bis der Laden leer, und die Tür längst zu war.

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