Party (24.06.1989)

by ikreidler

Sonntagnachmittag, im Hartz Vier Café in der Duisburger Innenstadt. Angeschickte neudeutsche Fußgängerzone. Nicht so elend wie in Borussia Mönchengladbach. Dafür scheint es die Passagiere hier härter getroffen zu haben. Der absteigende Postsozialstaat. Rauchende Rentner im Rollstuhl. Ich sitze draussen und warte auf die Selbstbedienung. Kommt aber keiner. Muss mir meinen Kaffee wohl selbst holen. Weggegangen, Platz vergangen. Die Kolonialwaren alle um zweidrittel teurer als in Berlin, die Unterhaltungen dem lauen Nieselwetter angepasst.

»Das Wetter hält sich ja.«

(Pause)

»Es heisst ja, stutzt dir Bäume, damit’se nich’ in Himmel wachsen. Das is ja auch in de Dritte Welt so. Erst in Portemonnaie gucken und dann Kinder machen. Ne! Und dann wollen’se Spenden haben.«

Duisburg. Stefan Hoderlein hat geladen. Justus Köhncke und mich. Als Deeejays. Party statt Eröffnung. Im todschicken Lehmbruck Museum.

Es gibt ja gewinnende Kombinationen. Mit Justus klappt es immer. Da können unsere Taschen noch so unterschiedlich gepackt sein. So unterschiedlich sind sie natürlich nie gepackt. Aber dennoch.

Stefan Hoderlein hatte uns geladen.

Wir schreiben das Jahr 1988. Ein Mann tritt auf im GKS-Shirt – die geheimnisvolle K-Strahlung. Ich kannte ihn als Becherklassenstudenten. Er war immer da, wo etwas war. Dann war er mal weg. Und ich sah ihn wieder, im Sommer 1989 als Mareike Schultze-Föcking, auch Akademiestudentin, mich als DJ für eine Akademieparty eingeladen hatte. Ich legte draussen im Garten auf, und ich legte Soul auf. Da steckte mir jemand von hinten eine Cassette zu, Spiel doch mal. Stefan Hoderlein war zurück aus England und hatte neue Sounds von der Insel mitgebracht. We called it Halucinates.

Hoderlein brachte Andreas Gursky das Raven bei und war natürlich der Mann hinter den Mayday Fotografien. Er tauchte Backstage in New York im MoMA auf, wo Kreidler Andreas Gurskys Retrospektive eröffneten. Dort erklärte er mir den Überraschungseiertrick. In seinem Kleinstwagen hatte er den Beifahrersitz ausgebaut, dafür an blinkender Elektronik eingebaut, was die Batterie nur vertragen konnte. Bei der Kreidler release party in Alex Jasch/Adeline Morlons Projektraum Kölner Straße führte er beängstigende Kleingeräte mit sich, die scheinbar intelligent auf dem Boden rumsausten und alle Anwesenden in den paranoiden Wahn trieben. Dafür war ihm scheinbar sein Laserpointer abhanden gekommen. Max Dax hatte mich, als wir das Thomas Ruff Interview für Bryan Adams Zoo Magazin führten, in der Straßenbahn-Fußgängerunterführung nahe der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf abgelichtet, vor Hoderleins Kunst am Bau Kleinbildirrsinn. In Köln fuhr er mich einmal mit seinem Monstertruck nach hause, mit dem er sonst bei ostdeutschen Raves auf die Jagd ging, wo die jungen Menschen noch nett seien – im Unterschied zum Westen, wie er mir erklärte. Dieser Stefan Hoderlein also.

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