Listening Wind (pt. 3)

by ikreidler

Jochen Distelmeyer also, ein Regelmässiger nun an Berliner Orten, über das Gastsein hinaus getreten, in der S-Bahn, auf der Wolfgang Tillmans Aftershowparty in der Pan Am Lounge, in der Paris Bar natürlich, etwas Charlottenburglastig, auch, sie werden mehr, die Nachbarn. Heute Abend aber nun mit Band in Kreuzberg im geliebten Festsaal. Doch diese Band ist nicht wirklich hübsch anzusehen. Wodurch Jochens Antlitz nur umso ebenmäßiger strahlt. Vielleicht nicht die schlechteste Idee. Und spielen können sie auch. Beeindruckend wie sie am Bühnenrand eine Front mit vier Gitarrenähnlichen bilden. Der Beginn des Konzertes dann allerdings völlig schlapp. Nicht wirklich nachvollziehbar, umso mehr da es drei neue Stücke sind, die auf dem Album durchaus Sinn machen. Aber hier, Wohin mit dem Hass? bar jeden Drucks. Jochen ist höflich, sympathisch und charmant wie immer, doch nährt er im weiteren Verlauf des Abends den Verdacht, dass er, wenn er nun nicht mal bald einen Schritt macht, natürlich ist er nicht Bowie, aber hey, warum eigentlich nicht!?, wenn er nun nicht bald mal einen weiten Schritt macht, er jegliche Relevanz verlieren wird, musikalisch, meine ich. Und das wird dann auch den Texten schlecht bekommen. Wo nebenan Die Goldenen Zitronen immer ganz gut hingekriegt haben, nicht nur auf der Sprachebene, sondern auch sonorisch relevant zu bleiben, da droht hier die Oldieabend-Rutsche. Come on, Jochen!! Jochen, come on!!!

Zu brillieren wußte die Band übrigens bei den alten Stücken, wo es schon Sinn macht, wenn der Schlagzeuger nicht schleppt und der E-Pianist E-Piano spielen kann. Am wunderbarsten natürlich So lebe ich, das Blumfeld Stück, das ich, damals als Kreidler mit Tarwater auf Frankreich Tour waren, verzweifelt versucht habe, nicht zu mögen, eben weil ich es so sehr liebte. Ich hängte mich an einzelnen Textzeilen auf: klingt ja wie Hermann Hesse, sagte ich zu Bernd und Ronald, die die Platte ganz frisch bei sich führten. Und spielte ihnen Totes Rennen von Thomas Brinkmann vor: So geht das. Und war doch nur neidisch auf Jochen Distelmeyer, zumal der Song ziemlich exakt dem entsprach, was ich mit dem Stück Reflections ausdrücken wollte. So lebe ich, bis heute seine unangefochten größte Komposition. Ein trostspendendes Meisterwerk. Auch in dieser Nacht, als wir aus dem Festsaal hinaus ins Dunkel traten.

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