Die Elixiere des Teufels

by ikreidler

Ich verlasse frühmorgens mein Obdach und kehre lange nach Mitternacht zurück. Menschenfeind? Ach, i wo. Des Menscheln kein Freund, wohl schon. Ein Igel kreuzt meinen Weg. Das dritte Exemplar dieser Spezies, das ich in nunmehr zwanzig Jahren sehe. Ich frage ihn um Rat: »Grauer Wolf gehängt!« nuschelt er und verschwindet lautstark im Unterholz. Die Kaninchen gehen rund um die Uhr wichtigen Geschäften nach, das ist schön anzusehen, auch weil es kaum beschreibbar ist. Ich beobachte ihre Sprünge und Haken und lasse dabei mein Gehirn leerlaufen.

Vielleicht sollte ich das Hansaviertel verlassen. Es trägt eine große, graue Einsamkeit in sich, die mich an die 1970er Jahre erinnert. BRD-DDR. Bowie, Eno, Hansa at the Wall, Rasterfahndung, Kraftwerk Metropolis. Traurige Kindheit. Nicht weil meine Kindheit an sich traurig war, aber weil sich damals die Trauer der Zeit über alles legte und in meiner Seele festsetzte. Ich kann mich nicht daran erinnern, in meiner Kindheit einen Igel gesehen zu haben. Nur Salamander, Blindschleiche und Ringelnatter. Hey, Max, was war nochmals die Geschichte mit dem Stadtfuchs? Er ist mir auf meinen Touren noch nie begegnet. Erinnerst Du Dich, wie ich Dir gesagt hatte, alles wird gut? Und Du eine Runde Scopa nach der anderen gewonnen hast? Selbst die scheinbar aussichtslosen Spiele? Und wie sich das Blatt plötzlich gewendet hat? Ich weiss, alles wird gut, ich hatte Dir auch gesagt, dass Dir das in Deiner Situation wenig Trost bieten würde, und natürlich weiss ich auch, dass man auch selbst dazu bereit sein muss.

Ein sternloser Himmel. Wolkenzerfetztes Dunkel. Ich gehe die Spirale weiter hinab. Irgendeiner muss das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet haben. Meine neue Heimstatt ruft. Noch 240 Tage?  Ich sitze in der Küche und rede mit mir selbst. Na dann hört doch wenigstens einer zu. Der Wäschetrockner gibt den Rhythmus vor. Hey DJ, now paying my dues for playing in an instrumental rockband. Instrumental. Versteht Ihr nicht? Ohne Worte!

Nicht sehr hilfreich, leider.

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