Atlanta Rhythm Section

by ikreidler

»Amerika verschwindet, nur das Lächeln bleibt.«

(Lothar Hempel, Trinkwasser – Wie wenig Du weißt)

Delta versorgt uns eher dürftig mit Nahrung. Erdnüsschen, später Pasta mit einem Hauch Biss (immerhin!), dann Erdnüsschen, später Pizza quattro formaggi – mit Himbeermarmelade bestrichen und Knusperstreifchen belegt, eine süß-klebrige Angelegenheit, dann Erdnüsschen. Mit der Flüssigkeitsversorgung geizen sie ebenso. Never mind. Wirklich unangenehm aber ist das Entertainment – Programm. Served with compliments by Rupert Murdochs Fox. Unisono mit der wirklich unfassbaren Hetze gegen Barack Obama. Im mit Loki Schmidt betitelblatteten Stern lesen wir, wie vor den us-amerikanischen Midterm-Wahlen, Priester mit ihrer Gemeinde für den Tod Obamas beten, wie Konservative schwerbewaffnet Reden des Präsidenten besuchen, von den Obama-Hitler Gleichsetzungen, undsoweiter undsoweiter. Vom medial geschürten Hass gegen einen mässig-liberalen Afroamerikaner. Wir bereuen schon wieder, die Flugroute über Atlanta gewählt zu haben. Georgia on my mind? No way. Ich setze den Kopfhörer nicht auf, der Bildgewalt auf dem großen Screen vor mir kann ich allerdings kaum entgehen. Der erste Film singt ein Loblied auf die Xenophobie, verherrlicht Krieg, Kampf und Vernichtung, und dreht den Plot so, dass Russland verantwortlich für den Hass der Muslime auf Amerika, für den 11. September ist. Wie Angelina Jolie in diesem Machwerk spielen kann, ist mir ein Rätsel. Die B-Jolie Jessica Biel übernimmt dann für die nächste Landser-Produktion, der A-Team Kinofilm – not funny at all. Ein militaristischer Alptraum.

Atlanta, wir haben zwei Stunden Zeit, das Gate zu wechseln, die werden wir auch brauchen. Die Flughafen-Security erweist sich aber als sehr höflich. Sie fragen nach, wer wir sind, wohin wir reisen. Schon alleine der Gedanke, dass das Bild einer elektronischen Instrumentalband aus Deutschland, die in Mexiko Konzerte geben wird, hineingepflanzt in die Köpfe von einem Dutzend Amerikaner, mit ihnen etwas bewerkstelligen könnte, und sei es nur auf der Ebene einer Micro-Idee, die sich vielleicht irgendwann multiplizieren und fortpflanzen wird, gefällt uns und lohnte den Flug über Atlanta. »Yeah, Kraftwerk, I know those guys«.

Die nächste Maschine hört auch auf den Namen Delta, ist etwas überbucht, deutlich kleiner, und das jugendliche, ausgelassene, nicht wirklich uniformierte, aber kostümierte Personal, es ist schliesslich Halloween…,  lässt mich an einen Camel-Rave-Flug erinnern. Die Monitore sind im Vordersitz eingelassen, eine illustre Auswahl an Hollywood Blockbustern, aber auch Independentfilme und Pixar Animationen, werden durch zwei HBO Kanäle ergänzt. Die Zeit vergeht im Flug, New Orleans unter uns, der Golf von Mexico, aufgeschäumte Wolken, Wirbelbilder, Mexico City endlos, dann landen wir mitten in der Stadt.

Bereits vor dem Zoll werden wir abgeholt und an der Einreiseschlange vorbeigeschleusst. Der Zöllner ist etwas verwirrt, unsere Begleitperson vom Cervantino Festival verschwindet mal schnell hinter irgendwelchen geheimen Türen, kommt zurück und sagt ihm, alles klar. In wenigen Minuten sind wir durch. Natürlich müssen Detlef und ich unweigerlich an Mediterranien denken, aber diese Vorstellung schwirrte schon vor dem Abflug in unserem Kopf.

An der Kofferausgabe dreht das Gepäck nur eine Runde, dann wird es von Flughafenbeschäftigten neben dem Rollband gesammelt. Ein Securitybeauftragter prüft ob das Delta-Kofferetikett mit dem Sticker auf dem Reisepass und dem Namen im Reisepass übereinstimmt. Detlef und ich müssen an…, lassen wir das. Danach durchwandern unsere Koffer und Taschen den Sicherheitscheck, Nacktskanner, eine Installation auf der ich einen roten Knopf drücken muss, grünes Licht, ich darf weiter, Thomas: rotes Licht, er muss seinen Koffer öffnen und kriegt eine Individualuntersuchung. Der Rote Knopf, wird mir erklärt, reagiere nach dem Zufallsprinzip. Also ein vergleichbares System zum Detektor-Tor an den heimisch vertrauten Flughäfen, das angeblich auf Metall reagiert, tatsächlich aber nur aleatorisch vor sich hinpiept, um den Reisenden ein sicheres Gefühl zu vermittlen. Erst nach diesen Kontrollen dürfen wir den Sicherheitsbereich – spanisch: Ciudad de México – betreten. Und werden an Julia vom hiesigen Goethe-Institut übergeben.

Kleine Taxivermittlungsbüdchen auf dem Vorplatz, sehr freundliche, gutgekleidete Menschen erwarten uns, ausdrucksstarke Gesichter, sonnengebräunte Haut, schwarzes Haar, große Nasen, Schnurrbart galore, ein laues mediterranes Lüftchen umweht uns, wir besteigen eine Маршрутка – Hallo!? –, ich meine eine მარშრუთკა – Hallo!??? – Georgia on my mind!

¿¿¿hola???

Advertisements