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by ikreidler

Julia muss uns warnen: esst nicht auf der Straße, stoppt kein Taxi auf der Straße, geht nicht alleine die Straße entlang und trinkt kein Wasser aus dem Hahn. Es drohen Tod und Verderben. Exakt die Vorsichtsmaßnahmen, die das us-amerikanische Aussenministerium seinen Berlin besuchenden Staatsbürgern mit auf den Weg gibt. Draußen ist feindlich. Stimmt. Und jeder geschlossene Sarg ist ein Raum. Um 3 Uhr morgens wachen wir auf und um 6 Uhr zum zweiten Mal. International Jetset. Wie Julia es vorhergesagt hatte.

Ich dachte, mit der langen Nacht im Salon des Amateurs würde ich das umgehen können. Ich dusche, putze die Zähne, das Wasser aus dem Hahn ist eine Chlorbrühe, dieses Thema hat sich also von selbst erledigt, und bin um Sieben Uhr Dreissig im Frühstücksraum. Da kommt Thomas um die Ecke, Detlef textet »schon unten?«, wir staunen über die opulent gedeckten Anrichten. Die Tische biegen sich, die Köche tragen Mützen und Mundschutz, die Kellnerschar zieht uns die Teller unter dem Messer weg. Habe ich schon erwähnt, welch ein Fleischland Mexiko ist? Mexiko ist ein Fleischland. Selbst das Frühstück ist carnivor. Der typisch mexikanische Tagesbeginn ähnelt inhaltlich am ehesten dem angloamerikanischen Brunch oder dem deutschen Gabelfrühstück. Ich halte mich an die fünf frischgepressten Fruchsäfte, an das üppige Obstbuffet (mit Hähnchenapplikation) und an die Sodabackwaren, süß wie salzig, Mais wie Weizen. Und Blähstoffe überall. Omis Filterkaffee zu feuriger Guacamole blasen mir die letzten Reste Müdigkeit aus den Nasennebenhöhlen. Fürs erste. Denn der Tag soll wieder ein langer werden. Heute ist einer der Día de Muertos, Die Toten kehren zu ihren Familien zurück, ein Festtag oder genauer eine Festnacht, begangen zuhause, in der Stadt, auf den Friedhöfen. Mit Schädeln aus Zucker oder Schokolade, Pan de Muerto, mit Cerveza und Tequila, mit bunten Fähnchen, Luftballons, Blumen und Kerzen, Altären, Ofrendas und Lagerfeuern, mit aberwitzigen Knochengerüstverkleidungen teilweise hin zu Halloweenquatsch, mit Techno aus dem Handy, Musik von Mariachi oder zwischen amerikanischen Postrock, Canterbury und Gil Scott-Heron abrockenden Jugendlichen, aber alles bunt bunt bunt, das erleben wir nach Mitternacht auf einem Friedhof in Xochimilco. Ein fröhliches Feiern paganistischen Ursprungs, was die spanischen Monster den Azteken nicht aus den Leib herausbrennen konnten, und es daher zu einer Variation von Omnium Sanctorum respektive In Commemoratione Omnium Fidelium Defunctorum uminterpretiert haben. Einzelnen Tagen zugeordnet wird Ermordeten, Selbstmördern, Unfallopfern, verstorbenen Heiden, dann Kindern und schliesslich den natürlich verstobenen Erwachsenen gedacht. Es ist aber nicht nur Freude und Party, an manchen Gräbern und Gruften trauern, weinen die Hinterbliebenen. Mit Julia, Mia und mexikanischen Freunden stapfen wir über den Friedhof, sie zeigen uns alles, erklären, alles kein Problem, aber ich fühle mich immer unwohler, einerseits überwältigt, hier teilnehmen zu können, das sehen, erleben zu können, andererseits, was bin ich mehr als ein voyeuristischer Eindringling, was habe ich hier verloren, wir stolpern über ein Kindergrab nach dem anderen, der dritte Geburtstag sei eine Art von Feiertag hier, sagt Julia, wenn es ein Kind bis dahin geschafft habe, wäre es aus dem Gröbsten raus. Hier? Wir befinden uns nicht in der Dritten Welt, wir sind in Mexiko, in Mexico City, einer zwanzig Millionen Metropole natürlich, und natürlich gibt es Armut hier, extrem einfaches Leben am Stadtrand, aber keine Favelas, keine verschlammten Ghettos, wie wir sie damals nach unserem Konzert in Jakarta gesehen hatten.

Wir verlassen den Friedhof, gehen durch die Budenstraße am Eingang, trinken Cerveza und rauchen eine Zigarette für Loki Schmidt. Schon beeindruckt. Nachhaltig beeindruckt. Und gegen zwei Uhr morgens fallen wir im Hotel ins Bett.

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