¡demonios!

by ikreidler

»Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie,

der Tod von Millionen nur eine Statistik.«

(იოსებ ბესარიონის ძე ჯუღაშვილი)

Julia hatte uns erzählt, am Abend zuvor, als sie uns 100% Agave azul nachschenkte und dazu gekühlte Faros con filtro mentol aus der Suspiro Esmeralda Blechdose reichte, die Gedenkstätte sei in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Wir ließen auch heute den Metrobús stehen und entern ein Taxi. Ruhig und zügig, wofür es im Niederländischen das schöne Wort rustig gibt, chauffiert uns der Fahrer nach Coyoacán, der früheren Stadt der Kojoten, heute eingemeindet in el D.-F. Unser Ziel ist das Museum Лев Давидович Бронштейн, besser bekannt als Троцкий. Es ist ein Feiertag, bis auf die ständig präsente martialisch bewaffnete Polizei sind die Straßen ziemlich leergefegt. Wir halten die Telefone ans Glas und filmen die Aneinanderreihungen ein- bis zweigeschössiger Häuser. An der Ecke Diego Rivera/ Frida Kahlo, am roteingefassten blauen Haus, lassen wir uns absetzen und gehen den Rest des Weges zu Fuß. Ein schmuckes Viertel mit kleinen Häuschen und kontinentalen Straßennamen. Über Berlin und Wien erreichen wir die Avenida Río Churubusco. Wir sind dehydriert, unsere Seele ist staubig. Das Restaurant am Wegesrand wurde durch polizeiliche Verfügung geschlossen informieren monströse Anschläge an allen Fenstern. Clausurado por violar la ley. Im Museum gibt es sicherlich ein Café.

Ein kleines Schild oben an der Mauer: Trotsky casa-museo. Calle Viena Z.P. 21. Auf der Suche nach dem Eingang umwandern wir die Festung. Das Museum ist schlicht. Von angemessen nüchtern bis zu traurig einfach – wo dann sichtbar Geld fehlt. Vitrinen, Fotographien, replizierte Dokumente. Die Präsentation könnte gnadenloser sein, wo sie oft liebevoll ist. Wo dann eben Geld fehlt. Detlef will schiefhängende Bilder geraderücken, aber wir befürchten eine Kettenreaktion Vicco von Bülowschen Ausmaßes. Traurige Rahmungen. Das Kino ist leider geschlossen. Wir gehen vom Archivraum hinüber in das eigentliche Wohnhaus.

Die Gartenanlage ist wunderschön. Das Haus auch. Die Anlage hat durch die umschliessenden Mauern und zugemauerte Fenster etwas Schloßähnliches. Natürlich eine Trutzburg gegen den anrennenden Stalinismus. Der sich dann, schlau wie der Fuchs war, einfach einheiratete und den Eispickel in der Handtasche mitführte.

Die Küche, das Bad, Edisons Dictaphone, Schreibtisch und das Sekretärszimmer, wir werden ordentlich auf Abstand gehalten. Hier ein offensichtlich neues Besucherleitsystem, Absperrungen aus Glas und Metal, das Interieur wird zum Zoo, Krokodile schnappen nach uns. Vielleicht hätte der Architekt auf Hausmuseen in anderen Ländern blicken sollen: Schwarzwaldhüsli, ზაქარია ფალიაშვილის ბინა, oder – von London lernen, heisst Siegen lernen – Freud Museum, Sir John Soane’s, George Frideric Handel House…

Dennoch sind wir beeindruckt. Und auch hier befällt mich Unwohlsein. Aber ein anderes als auf dem Friedhof. Ich gehe durch die Räume, in denen Leo Trozki ermordet wurde. Und mit ihm und in Folge all seine Verwandtschaft. Seasons of Glas, da liegt seine Brille, sein Gehstock und sein Sonnenhut, da stehen seine Schuhe, im Badezimmer hängt seine Kleidung. Das Bett ist gemacht, der Topf steht auf dem Herd. Und wie immer, wie den Theoretiker und Autoren zusammen denken mit dem gnadenlosen Schlächter.

Die Cafeteria ist geschlossen. Davor nur ein bunt geschmückter Altar, der Betreiber scheint verstorben zu sein. Wir sitzen noch etwas vor den leeren Kaninchenställen, dann kaufe ich die kleine Katalogbroschüre. Wir fragen den Sicherheitsmann am Eingang nach einem Café in der Nähe. Alles zu heute, antwortet er. Dann stoppen wir einen Wagen, im Taxi läuft eine Kassette mit nachdenklicher Klaviermusik, wie ein unbekannter Release auf Lome Arme, denke ich, und nach einer äusserst angenehmen, ruhige Fahrt, sind wir zurück auf der Paseo de la Reforma.

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