Caballo negro

by ikreidler

»If you want to ride«
(Laidback, White Horse)

Aide führt uns aus. Wir hatten uns nicht wirklich erfolgreich durch diverse Plattenkisten gewühlt, keine mexican cosmic Extravaganza, keine experimentelle Mittelamerika Elektronik aus den 60ern, keine Jodorowsky-Soundtracks; mühsam nährten wir uns von Munichdisco, Rumblefish (feat. Stan Ridgeway), Beatles und Arthur.

Wir schlenderten von Notting Hill Gate Richtung Portobello Road in das schicke Viertel Roma, ruhig, ordentlich gentrifiziert, mitten in Cuauhtémoc. Treffpunkt ist Parque Mexico, Colonia Hipódromo, Alex Karte besteht auf den Namen Parque San Martín, an der Fontäne, die just in dem Moment ihr Sprudeln einstellt, wo wir uns auf einer Parkbank niederlassen. Wenn es eines Zeichen bedurft hätte. Wir brechen also wieder auf, und ein paar hundert Meter weiter unter einem unscheinbaren Springbrunnen wartet Aide.

Dehydriert und mit verstaubter Seele (wir) kämpft sie (Aide) uns an der strengen Tür in ein brutal posches Japanisches Restaurant hinein, dem einzigen Ort in der näheren Umgebung, der nicht Cafe Latte, Croissant oder Organic-food serviert, sondern Alkoholika und darüber hinaus in einem über-lounge-igem Speisesalon die Kombination Zigarette mit Cerveza erlaubt. Ein paar Indios und Centenario platas später (Aide hatte begonnen, uns in das Geheimnis des guten Tequila einzuführen, der uns einen Erlebnishorizont von Kirschwasser zu Grappa zu ჭაჭა zu Brandy eröffnen wird) ist es an der Zeit, ins benachbarte Colonia Condesa zu wechseln, wo sich Jungvolk, Künstler und Musiker bevorzugt niederlassen und/oder rumtreiben, und wo uns ein schmuckes kontinentales Lokal erwartet. Wir dinieren mit einer Freundin Aides und ihrem Sohn – Aides Patenkind –, einem deutschmexikanischen 14jährigen Jungen mit Quantenphysikervater, einem wachen, äußerst hübschen Jungen, der eine leichte Melancholie im Gesicht und in seiner Stimme trägt, der gerade ein Instrument nach dem anderen lernt, und die besten Vorraussetzungen hat, ein Bryan Ferry, zumindest aber Spandau Ballet, zu werden.

Wir enden im Caballo Negro, einer Kneipe für junge Menschen. Alter Affe Rock. Peter Jacksons Bad Taste wird projiziert, die Musik ist Britpop, Mitte 90er Britpop, etwas langweilig. Auf die Dauer etwas mehr als nur etwas langweilig. Etwas Nervenzerrend. Aber wir sozialisieren uns. Auch mit den residents. Der Dj wechselt. Die Musik bleibt Britpop. Mitte 90er Britpop. Lief Verve nicht gerade eben schon? Stücke wiederholen sich. Mittlerweile schon ziemlich nervend-zerrend. Über den schorfigen mp3 Sound mag ich auch nicht mehr weghören. Es ist weit nach Mitternacht, Aide nimmt uns mit zu ihr nach Hause, ihre vier Hunde haben einen ordentlichen Schlamassel verursacht, der Taxiruf reagiert nicht, wir halten wie immer eines auf der Straße an, werden vergewaltigt, ausgeraubt, gevierteilt und fallen im Hotel ins Bett.

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