Sundown

by ikreidler

»Immer wieder Profi sein.«

(T. Djordjadze, 2000)

Julia kommt mit einer Freundin in unser Hotel. Vom Willen nach abendlichem Abenteuer beseelt; ohne mich.

Zurück aus Teotihuacán am Terminal del Norte rauschten wir sekundenschnell mit dem Sistema de Transporte Colectivo Metro die Popstrecke 3 Indios Verdes/Universidad hinunter: über la Raza (George Jones), Tlatelolco (Elena Poniatowska), Guerrero (Rebolledo) und Hijo de Algo (Frank Hopkins) erreichten wir Juárez (Wilhelm Dieterle), wo wir wieder das Tageslicht erklommen. Das heißt, Alex hatte kein Permiso und musste sich den Weg von Balderas (S. Cabañas) zurückbahnen (short message service: »Get off at Juarez, cross the street, walk to the right until Victoria then Victoria until Lopez – La Ferrolana Salon«). Nach unserem postmittäglichen Mahl zogen Detlef und ich durch die Einkaufsstrassen, passierten die frisch geschlachtete warme Hühnchenstrasse, liessen die Musikinstrumentestrasse rechts liegen (nur Behringer, Ibanez, Roland statt Aztekenpiano und Mayatheremin), näherten uns dann über die Bauteilestrasse und die Lampenstrasse dem Bekleidungszentrum, auf der Suche nach einem eng geschnittenen türkis-, flieder- oder lilablassblaufarbenen Vaquero-Hut (Andreas) beziehungsweise dunkelgrünen Schnallen– oder karmesinfarbenen Eidechsenlederschuhen (Detlef), und stärkten uns in der Bar Las Americanas, wo wir die Cerveza doppelt serviert kriegten und den Tequila bis zur Neige eingeschenkt. Noch vor 8 waren wir im Hotel.

Und es dreht sich in mir. Ich  falle ins Bett. Es dreht sich mehr. Ich schiebe es auf den Tequila. Und stürze in den Sanitärraum. Es hört nicht auf, sich zu drehen. Meine Hände zittern, mein Kopf glüht. Ich wanke zurück ins Bett. Und es dreht sich weiter. Die Nacht durch spielt auf einer Baustelle in Hotelnähe kreischendes Metal auf Metal. Ich schlafe ein und wache auf. Das Kreischen ist David Cronenbergs Crash. Das Kreischen ist wie das Geräusch der Pinzette, die den kleinen Zettel unter dem Fingernagel hervorzieht, in David Lynchs Twin Peaks. Erbarmungslos. Ein Alptraum. Das Kreischen schwingt sich immer wieder zu einem harmonischen Singen auf. Ich schlafe ein und wache auf. Die Nacht meint es nicht gut mit mir.

Um 8 Uhr morgens schleppe ich mich in den Frühstückssaal, bestelle Té Negro. Thomas schleppt sich von der Seite her an den Tisch. Die Nacht hatte es auch mit ihm nicht gut gemeint. Wir beginnen zu begreifen, dass wir weder Alkohol noch Essen verantworten können, sondern schlicht die fehlende Kopfbedeckung bei unseren Pyramidengang.

Die Sonne hatte es gut mit uns gemeint. Zu gut. Heute abend ist Konzert. Auweia. Aber dann doch: Immer wieder Profi sein.

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