Adam

by ikreidler

Neun Uhr morgens ist Abfahrt. Vom Hotel aus rollen wir den Berg runter zum Bus. Der Fahrer wartet nur noch auf uns, klappt die Gepäckfächer zu und lässt den Motor warm laufen. Hastiger Abschied von Julia und Juan, unserem netten Betreuer vom Cervantino Festival. Wir quetschen uns auf die paar freien Plätze zwischen ich weiß nicht wer, Menschen jedenfalls. Manche mit Instrumentenkoffern. Michaela ist mit an Bord, Uwe ist mit an Bord. Wir versammeln uns im Mittelkreis. Die Rückfahrt verläuft angenehm ruhig, mit einem angemessenen Teil von Melancholie. Und zügig. Der Fahrer und seine strenge Beisitzerin verweigern uns den Pausenstop.

Die Hinfahrt sah ganz anders aus. Ada, Uwe, Julia und Mia an vorderster Front, Kreidler besetzten die Rückbank. Eine Stunde holpern, wenn ich die Augen schloss, wähnte ich mich im Flugzeug und erinnerte turbulente Flüge, mit der Propellermaschine von Malpensa nach Konrad Adenauer oder – nach dem Kreidler Auftritt in Donostia – der 2000 Luftlöcher-Albtraum an Bord eines Iberia Jets von Bilbo Loiuko Aireportua nach Barajas, wo Alex dann ausstieg, wir zu dritt zurück nach Deutschland flogen, und er Köln auf dem Schienenweg anpeilte. Die Bilder sind lebhaft, aber ich fühle mich sicher und geerdet. Ich beschliesse, mir ab sofort bei Unruhe im Luftraum vorzustellen, ich wäre an Bord eines mexikanischen Überlandbusses. Direkt vor uns sitzt eine Kraut- und Rübenband, drei Dreadlock- Mädels und fünf Indie-Mischmasch Jungs von Ziegenbärtchen-Glatze zu Pferdeschwanz-Schluffi, irgendwie alle schon etwas angegreist. Sie haben Musikinstrumentarium mit im Bus hat und es nicht, wie es sich gehört, im Kofferraum verstaut. Und wenn man Trömmelchen im Schoß, Flötchen an den Lippen, Akkordeon im Schritt und Gitarre in den zarten Händchen hält, Sie ahnen es schon… die letzten drei Stunden unserer fünfstündigen Busfahrt wurde zur Folklore Session. Arabische Tonleitern, jammernder Gesang und synkopisches Geklopfe. Und natürlich drehten sie sich alle vierzig Minuten um und fragten, ob das denn okay sei, ob es auch nicht stören würde. Natürlich sei es okay. Natürlich störe es nicht. Böse Menschen haben keine Lieder, natürlich. Und ich kann ja meinen Kopfhörer aufziehen. Mach ich auch. Und spiele ein paar amtliche Ballerspiele auf dem iPhone, habe meinen Spaß mit iGendyn, Soundscope und Curtis. Und dann war es plötzlich gut, als sie sich zu Rodrigos Concierto de Aranjuez zusammenrauften und dann Gitarre und Akkordeon leise in C-Dur improvisierten, aber schon leierten sie wieder los, verminderte Mollakkorde, Nudeldudel, arabische Tonleiter, was weiss ich. Und natürlich sei es okay. Wo man singt, dort lass’ dich ruhig nieder. Natürlich störe es nicht. Wir sind ja keine Kulturbolschewiken. Also sind wir natürlich schon. Was weiss ich. Was soll man sagen. Wir werden uns nie wieder sehen. Der Bus verlässt die Autobahn und rumpelt durch ein paar Tunnels in die malerische Silberstadt Guanajuato, die auf 2000 Meter Höhe an und zwischen Bergen klebt.

Wir haben einige Stunden Aufenthalt in Mexico City bevor wir zum Flughafen aufbrechen müssen. Ada bleibt noch ein paar Tage hier. Atoms Rückflug nach Chile verspätet sich um rund 6 Stunden, ist jetzt auf 3 Uhr morgens angesetzt. Wir lassen uns die Schuhe putzen, bummeln, essen und trinken, dann ist es Zeit, wir verabschieden uns von der Stadt. Thank you all.

Am Flughafen verprassen wir die letzten Peseten, die Security hört auf den seltsamen Namen Eulen, »the owls are not what they seem« denke ich. Dann ist es Zeit, die Koninklijke Luchtvaart Maatschappij N.V. wird uns nach Schiphol überführen. Sombreros verstopfen die oberen Gepäckfächer, mein Multimedia-Terminal wird neugestartet, das Essen ist die absolute absolute Katastrophe, aber hübsch designt, ich nickte eine halbe Stunde ein und träumte von gebratenen Eulen, Rotkraut und Schnapstabletten. Beim Aufwachen schiebe ich die Sichtluke etwas auf, die Sonne steht am Firmament, eine Frühstücksbox vor mir und der Landeanflug kurz bevor.

Red Band, Weihnachtsdeko und weiter gehts. Unsere Wege trennen sich, Detlef und Thomas fliegen in die Landes- wir in die Bundeshauptstadt. Morgen ist Mastering. Morgen treffe ich mich mit Andro wegen des Covers. Kein Jetlag.

Kein Jetlag. Unsere Seelen hatten es in den vergangen 7 Tagen wohl nur bis Amsterdam geschafft, wo wir sie jetzt wieder einsammeln.

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