Theorie & Hasenfuß

by ikreidler

»’What makes you happy?’, I asked.
– ‘If I order coffee and am served tea.’«

(Kreidler, aus den Linernotes zu Appearance and The Park, 1998)

Erst verpasst, dann nicht mehr drüber nachgedacht, jetzt in Liebe gefallen. Praxis Dr. Hasenbein, ein trauriger Film, als Komödie getarnt, Buster Keaton, klar kennt man, aber hier wird gelacht, oder der Mund zumindest in eine dem Lachen ähnliche Stellung geschickt, aber vermutlich geht das Prinzip sowieso auf die griechische Antike zurück. Mindestens.

Anstatt standesgemäss das Jahr des Hasen einzuläuten, wurde der Film von einer dämlichen Arte-Redaktion in den Programmpunkt »Trash« verfrachtet. Oder muss man dankbar sein, dass sich somit für Helge Schneider überhaupt ein Programmfenster im deutschen Fernsehen öffnet? Ich, am häutigen Tag, schon, und um diese Uhrzeit: Tiroler Nusskuchen aus dem elterlichen Paket, Deutz Brut Classic aus dem Kühlschrank, Null Uhr null, zu Gast bei Freunden, so läutet sich mein Geburtstag ein.

Helge Schneiders dritter Spielfilm ist von höchster Perfektion. Alles sitzt am richtigen Platz, nämlich knapp daneben: Darsteller, Drehbuch, Beleuchtung, Ausstattung, Kostüme, Props, Kulissen, Namen und Titel, Dialoge, Kamera und Schnitt – der Soundtrack sowieso. Es treibt einem Tränen in die Augen, aber nicht vor Lachen. Wäre der Film eine us-amerikanische Produktion, wäre er Sundance ausgezeichnet und mit dem Gramophone Emmy nominiert. Mindestens.

Alle tragenden Rollen gleich welchen (beiderlei?) Geschlechts werden von Männern gespielt – Screwball? Drag? Ach was, das Prinzip geht vermutlich auf die griechische Antike zurück. Mindestens. Ansonsten atmet Dr. Hasenbein deutsche Filmgeschichte: Lubitsch natürlich, von Berlin bis Hollywood, aber auch Der letzte Mann, den Alptraum deutscher 50er Jahre Film-Komödien, Fassbinder sowieso, eine Kulisse wie in Berlin Alexanderplatz, die Melancholie von Satansbraten, die Skurillität von In einem Jahr mit 13 Monden.

Und wie Dr. Hasenbein nur ein/zwei Momente zornig ausbricht, aber dann eben auch nur aus alleinerziehender Sorge um seinen Sohn, um direkt wieder Nachdenklichkeit, helfend und Freund zu werden; und mit welcher Gelassenheit er ansonsten all Das akzeptiert, was auf ihn einprasselt, das nennen wir dann japanisches Prinzip – »what makes you happy?« wer da fragt, könnte Murakami oder Yoshimoto gewesen sein, es war aber Detlef, und es antwortete eine Freundin in Tokyo.

Alle Bilder in Praxis Dr. Hasenbein sind Bilder der Erinnerung, der Vergänglichkeit, der Trauer. Drei vier Tage werden in Neunzig Minuten ausgebreitet. Die sicherlich nicht minderen Schrecken von dreissig Jahren Krieg dagegen in ein paar knappen Sätzen in einem Theaterbild in drei Minuten verhandelt. Worüber man nicht sprechen kann. Tristesse und der Film im Film, der sich selbst kommentiert. Was wollt ihr überhaupt? Ein Spiegel des eigenen Selbst zu jeder Sekunde.

Das Ende gerät versöhnlich. Hasenbein wird im Moment seiner Kriegsheimkehr von seiner Schwiegertochter auf die Straße gesetzt und weiss, der Weg führt nur ins Altersheim.

Doch dieses Altersheim ist eines, wie man es für sich selbst nur wünscht, heisst diesseits der Leinwand aber wahrscheinlich Geschlossene. Man spielt ausgelassen Jazz. »Otto! ich habe gedacht, Du wärst tot!« – »Ich wollte am Schluß noch mal vorbeikommen«. Und so wird dann auch die letzte Szene wie in Louis Buñuels Simón del desierto:

»Wer ich bloß nicht so knauserig gewesen,
dann könnt’ ich jetzt schön da mit machen.«

Das muss man sich selbst einfach auch immer wieder  sagen. Thank you all.

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