Leipzigmai

by ikreidler

Man nehme einen Atlanten und schlage im Register einen beliebigen Buchstaben auf. Beispielsweise das L unter dem Reiter Deutschland. Jede einzelne Stadt trägt dem jungen Bonvivant, dem Jeune homme, dem Salonisten und Sensualisten ein einziges auf, nämlich das Sparen auf das Einweg-Ticket nach Berlin. Jede Stadt? Jede einzelne Stadt.

Nur eine Ausnahme mag man unter L gelten lassen: Leipzig. Es gibt zig Argumente, die für ein Verbleiben sprechen. Wenn ich jetzt keines niederschreibe, dann liegt das schlicht daran, dass es hier in diesem Moment einfach zu angenehm ist, um nachzudenken; das Frühstück, die Architektur, das Offene, der Himmel, die Connewitzer Jugend. Nur, dass die Schallplattenhändler bereits am frühen Samstagnachmittag das Wochenende einläuten, könnte man der Weiße Elster Metropole negativ ankreiden.

Laut Statistik spielen wir seit 2009 jedes Jahr in Leipzig. Und es könnte ewig so weiter gehen. Mutig drückt Thomas knapp dreihundert Meter vor unserem Fahrtziel den Navigator aus; er reisst den Volant herum und behauptet, sich an den Anfahrtsweg zum Conne Island zu erinnern. Schliesslich waren wir ja 1997 hier. Die Weekend Tour. Ich erinnere mich nur an den Support-Act Paloma; eine von zehntausend Bands diesen Namens. Livetechno, der Schlagzeuger meinte Roland Drumcomputer zu sein, der Bassist eine Dreinulldrei. Eine typisches Beispiel an Regressivität, CDU und Konterrevolution. Wo man Steampunk wenigstens noch elaborativen Irrsinn attestieren kann, da war Paloma langweilig und eine schlechte Imitation bar jeglichen Mehrwerts. Eine dieser Begegnungen anhand derer man wieder mal schön das eigene Profil schärfen konnte.

Heute nun mochte man gar nicht nach Vorband, Hauptband unterscheiden. Ein grandioser Abend, eine Zelebration der Popmusik im Jahre 2011. Eine Durcheinander-Programmatik wie einst bei der Rockpalastnacht Mitte der 80er Jahre, als die Alten Männer nicht mehr wussten, wo obenunten, rechtslinks Vornehinten war. Den Reigen eröffneten PTTRNS aus Köln, sie sagten Bluesband, spielten aber eine NYC genährte elektronische Discomusik mit einem liquidliquidem Trommelfeuer und Instrumentewechsel alle paar Minuten – ohne dass sich dadurch etwas im Soundbild ändern sollte. Grandios. Darauf folgte das Bayreuth’sche Donnerwetter von Tannhäuser Sterben & das Tod und zwei feine Exemplare usamerikanischer Professionalität: Thank U (Speed Rockrock ohne Blödheit) und Skeletons (Paul Simon trifft American Music Club), danach wir, heute mit Hut, und nach uns smoothester Yachtrock mit einer Vorliebe für slicke Discobassläufe, Toro Y Moi. Glücklich in die Nacht entliessen uns wiederum PTTRNS, diesmal mit einem DJ-Set, das nur zu gut wusste, wie man Disco buchstabiert.

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