Lights Out (Anthony McCall)

by ikreidler

Die Treppe in der Kathedrale war gesperrt; nur noch einzeln wurden die Besucher durchgelassen. Das Kabinett war gut gefüllt, und natürlich wollte jeder in der ersten Reihe stehen. Leichte Unruhe, gedämpfte Unterhaltung. »Performance 20 Uhr« verhieß die Einladung. Und pünktlich nahm Anthony McCall Aufstellung. Eine Wiederaufführung von »Five – Minute Drawing« von 1974, so stand es auf dem Papier.

Als Leftover war eine Zeichnung zu erwarten, und als Performance, der Weg dorthin: ein Zaubertrick, ein Kabinettstückchen – aber das greift es nicht. Denn natürlich ist »Five – Minute Drawing« ein modernes Musikstück. Die Aufführung einer Komposition, wie wir sie in der Genealogie zu Cages 4’33” kennen, schätzen und lieben gelernt haben. Also Pop, nennen wir es Pop wie die gesamte Musik seit Bach, also Musikstücke wie Yoko Onos »Cut Piece«, Abramovic/Ulays »Aaa Aaa« oder Chris Burdens »Shoot«.

Eine Assistentin reichte Anthony McCall Stecknadeln, mit denen er die Bögen seiner Partitur in aufsteigender Kadenz an die Wand heftete.

Als hätte er mit dem Taktstock auf das Pult geklopft, verstummten die Gespräche im Raum, wichen konzertiner Aufmerksamkeit. Die Assistentin reichte McCall einen schwarzen Wollfaden, behielt das eine Ende in den Händen, während er das andere um ein Stück schwarze Kohle wickelte, bis der Faden spannte, um mit einem Zirkelschlag den letzten Papierbogen zu markieren, sodann die Kohle zu Boden gehen ließ, den Wollfaden in der Mitte der Kreissegmentzeichnung erneut spannte, mit seiner linken Hand an der Wolle entlang fuhr, sie vom Papier wegzog und mit einem lauten schnalzenden Geräusch auf das Papier schnappen ließ. 4 Minuten 58 Sekunden. Der Faden schwang leise surrend nach, auf dem Papier zeichnet sich schwarz eine Sekante ab.

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