Acid Brass

by ikreidler

»Mit Air Borderline nach Tegel«

Es gab in der Geschichte der Verunglimpfung von elektronischer Musik nur selten einen Moment, wo dieser tatsächlich die Welt weiterbrachte. Man kann mich jagen mit der Legion selbsternannter Klaviervirtuosen, die meinen, Jeff Mills in die Konzertsäle tragen zu müssen, oder, gefühlt noch schlimmer, ihre Flügel im Berghain aufschlagen. Als hätte das irgendeinen Erkenntniswert. Als gäbe es nicht den Quantumlock, der da sagt, die elektronische Komposition und das elektronische Gerät, auf dem sie komponiert wurde, seien nicht zu trennen.

Eines der wenigen Momente also, ist Acid Brass, zumindest das erste Album, und natürlich live. Das mag daran liegen, dass es die neuzeitliche Übertragung des kirchlichen Bachs weltlicher Parodien ist. Das mag am Bescheuertsein von Jeremy Deller liegen, wie es sich auch in der Acid<~>Brass begleitenden genealogischen Grafik manifestiert, an der verqueren Britishness im Generellen, wo auf Pub und Arbeiterklasse (im Guten) zugedrogte Akademia (auch im Guten) trifft, woraus dann eine irgendwie dandyeske Überhöhung entsteht, die es so eben nur in Old Blimey gibt (siehe beispielsweise auch das britische Fussballlied oder Edith Sitwell). Oder es mag an dem faden Essen liegen oder an dem schalen Bier, an der Sehnsucht nach Arcadia, dem System der Artschools, oder schlicht an einer Beschemeltheit als Resultat von Generationen, die ihr Dasein auf einem seit Jahrtausenden abgeschiedenen Eiland fristen.

Jedenfalls: Acid Brass. Und nicht irgendwo auf einem matschigen Openair, oder in kleinbürgerlicher Dämlichkeit, Model Wackener Feuerwehrskapelle, sondern in den Berliner Festspielen. Die Bühne auf der Bühne dreht sich in den Zuschauerraum und danach war Bestuhlung war gestern.

Was danach kam, tat dem Abend keinen Abbruch, fügte ihm aber auch nichts weiter hinzu.
Jeremy Deller im Gespräch, in seiner üblich gockelhaften Selbstverliebtheit.
Graham Massey of 808 State fame, der sich damals von den Royaltys für Pacific State eine Flöte kaufen konnte, mit der dann 1989 eben jenes Pacific State einspielte, meinte nun bei seinem holprigen Liveset dieselbe wieder auspacken zu müssen. Opa erzählt, wie Opa vom Krieg erzählt.
Dave Haslan, den Abend charmant und wissend einführend, seines Zeichens letzter Hacienda DJ, der von der Euphorie beim Erwerb amerikanischer Importplatten in Martin Price’s (of 808 fame) Eastern Bloc (Berlinwitz folgte) berichtete, 12inchs mit damals noch namenloser Musik, um dann in der architektonisch wunderbaren Nebenbühne-als-Disco tatsächlich nur Mix CDs abzuspielen. Immerhin elegant, und natürlich das Hit-Programm (durch die Manchester Brille) abfeuernd.
Und immerhin, zum Tanzen brachte er uns schon.

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