Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop

Category: darauf einen Pym

Zagreboctober (Tag Eins)

»The point is, Marta, that I never cared for art.« 

(HE)

Wie man den Flughafen verlässt und dann sucht und versucht, etwas zu sehen, was man noch nicht gesehen hat an anderer Stelle oder zu anderer Zeit, und dann vielleicht denkt, oh Trauerweiden mit runden Blättern, oder, diese kleinen Vögel und vielleicht, eine eigentümliche Kaminarchitekur und die abgerundeten Ecken, und das war es eigentlich auch schon, bis auf natürlich, wie ‘was neben, unter, hinter, vor oder auf ‘was platziert wird, dass das anders ist und einem vielleicht zu wiederum etwas anderem, für einem neuen bringt oder bringen könnte und sei es nur für einen Moment, diesen einen Moment. 

Zagreb also, viele ältere Leute auf den Straßen, viele gut gekleidete Mädchen, und Heinz Emigholz, der winkend um die Ecke kommt und mit dem wir dann Kaffee trinken. Fußwege in einer gemütlichen Kleinstadt, Kriminalität als Exportschlager vielleicht, zumindest hier gibt es keine, das Rennrad unabgeschlossen abgestellt, iPhone auf dem Caféhaustischchen, Terassen soweit das Auge reicht. Gemütlich. Aber, mit Verlaub, der Kaffee in Berlin ist besser (mittlerweile). Und hören? Als der Flieger startete, kurz nach sechs in ungewohntem Frühnebel, da strich und schleifte das Metal wie bei Morton Subotnik. Der gleiche Nebel empfing uns in Zagreb. Sonst war nicht viel. Am Tag Eins in Zagreb.

A taste of Gozo

»Hey Trotsky, you’re in advertising!«
(John “Roger Sterling” Slattery to Elisabeth “Peggy Olsen” Moss, Mad Men 5.4)

Just before nine on a sunny thursday moaning I took my tea out onto the terrace of Heinz Emigholz’ fifth floor apartment, overlooking Spinoza’s bay. This is what I saw:

In der Körpermitte amputierte Hunde, die außen an Hauswände geschoben werden.

Lazarus Altar (der maltesische Name eines Mopeds).

Styler-Trend: Himmelhellblaue Plastikeimer. Ausverkauft.

Die schwere Standuhr, huckepack auf Omar Sharifs goldenem Kamel.

Pudel ägyptischer Herkunft in pinkem Marmor. Die von den Ladeflächen brüchiger Toyota–Pickups herunter die auf den graugelben Feldern arbeitende Landbevölkerung überwachen.

Ich wende mich ab. Nicht alles ist ein großer Spaß.

 

Mediterrania 20 Uné Trois (ein Schritt weiter)

»3+3=33«
(Mediterranes Alphabet)

Soll ich vom Aufnehmen sprechen, vom Bücken, sich Strecken, mit dem Schrubber, Verwerfen, Aufheben, Für später, oder nicht, wie der Brief auch hier sein Ziel erreicht, verfehlt, ohne Antwort bleibt, statt einem Nein, A Du kleines A, keine ist auch eine, eine von uns, unter uns, soll ich Erzählen von den Twists and Turns, die an jeder Ecke warten, verharren, verwirren und verwickeln, Dich (mich) narren, vom Entspannen, von den Entscheidungen, die einem in den Weg gelegt werden, großer Abzweig, schwarzer Löwe, kaum gesehen, schon gehenkt, vom abgebrochenen Schlüssel, der sein Schloss nicht fand, oder vielmehr doch, da es nur für ihn da war, soll ich beschreiben, wie es kam, dass niemand mehr antwortete oder eben doch (wie gesagt), vom Verlorensein (dem persönlichen), das natürlich noch andere Gründe hatte, profane oder mondäne oder profunde, abgrundtiefe, von Zahnschmerzen im Herzen, schlägt, ach, in meinen Brüsten, von Enttäuschungen von allen Seiten und Saiten, die schwingen, und von schlechter Energie, die ich dann der Einfachheit halber mir zuordnete, vielleicht auch nicht so falsch, wie alles zerbrach und zerbricht und zerbricht.

Den kleinen Schienenkreis für die Kamera hätten wir aus Kiew bekommen können. Großes Filmland Georgien, es war einmal, nannte sich Sowjetunion, die Wege waren kurz, vom Studentensalär am Monatsanfang mal schnell nach Moskau geflogen, zum Teetrinken, Kunstgucken und abends wieder zurück. »Dritte Welt sind wir selber«, sagt Heinz so richtig. Gelassen im Heute. Aus Berlin blickend. »Wenn gefilmt wird, dann ist die Saalmiete aber höher.« Ein weiterer Versuch. Perlt von uns ab. Sechzig Glühbirnen sind noch zu wechseln. In düsterem Graugelb bleckt der monumentale Saal seine Zähne. Mit edelster Holzvertäfelung, mit feinstem Parkett, mit schillerndster Lichtarchitektur. War gar nie als Aufnahmeort gedacht gewesen. Dennoch, ein schwebender Raum auf hydraulischen Beinen, mit frei eingelassenen Wänden inmitten des Gesamtgebäudes atmend. Wände als Variable, Lamellenartig alles beweglich, leichtfüssig, kein Quietschen, kein Knarren, drehen wir die Akustik einmal um; Faltungshall, was war das noch, this is the real thing baby, da fällt Dir nicht mehr viel ein. War gedacht und dann auch Praxis, das wisst Ihr ja schon, ein idealisiertes Kino, die Leinwand hängt noch weit oben an der Decke, andere Seite der Schlitz für die Projektoren; da liess das Politbüro gerne mal Viere gerade sein-sein. Dann der Bürgerkrieg, Staub und Vergessen. Und ein Versinken wie der Phoenix in der Asche.

Soll ich nicht vielleicht doch lieber erzählen, wie alles gut war und gut wurde, auch von uns gemacht wurde, und von der Liebe (lieber nicht), vom Verrücken und Verrückten und der ganzen blöden Emotionalität und der Nähe und vom Loslassen wollen und nicht können und vom Hassen vor lauter Liebe und nicht wissen, wohin (wohin auch), Verloren im eigenen Land, meinst Du im Zement, wo ich ein Heim hab’? – verstehst Du nicht? Verstehst Du nichts? Anfassen und Begreifen, wieder einmal, nur Clownerie, Fasanerei, gamepranche opopi, nichts wie weg, nur wohin. Draussen nur Kännchen.

Mediteranoktomberi

»If you come and listen to my music
and you don’t like it, 
I’ll go back to dental school.«
(Steve Jack Morel Guttenberg to Valerie Samantha Simpson Perrine, 
Can’t Stop the Music, 1980)

Mediterranooktomberi, Mtkvarse, oben im Eck, über dem Mtkvari, den das offizielle Russland kurzerhand in Kura verschlankte, mediterranische Gaumenbrecher sind die Sache des kühlen Kyrillen nicht. Ehemalige Fischrestauration, jetzt der coolste Club mit der coolsten Programmierung Mediterraniens, wo das Wort cool noch eine Bedeutung hat.

Was soll ich sagen. Wir spielen ziemlich Punkrock – Kreidler im Sinn –, für das schönste Publikum in einer Stadt, in der das Wort Schönheit noch eine Bedeutung hat.

Danach legt Berro auf, als gebe es kein Morgen.

didi madloba. zaalian. Thank you all.

Mediterrania 20 Uné Trois

»Let’s go to Paradise Jack«
(Marc Almond, 1988)

Mediterrania, Neustart, Anno Zero Ich. Solitudes. Un état et des variations. ZWEI ZWEI Zweiundzwanzig. That’s how I like my life to be. Oder auch nicht. Wie gehabt (oder eben auch das nicht). Ein grandioses Durcheinander. Und eine noch viel durcheinandere Grandiosität. Von den Füßen auf den Kopf gestellt.

Ich reise durch Räume und Zeiten, in kurzen Hosen, aber in guter Gesellschaft. Ich reise, wie man ständig von sich selbst spricht, selbst in der dritten Person, und wo ich reise anschlagen will, immer reihse schreibe und dann zurück muss, weil ich mich doch geweigert hatte, ein Korrekturband einzulegen.

Der Raum, in Schönheit und kitschferner Opulenz kaum zu steigern. Was als Schnittstelle und interne Projektionsfläche gedacht und gebaut worden war, ein imaginärer Ort für imaginäre Spiele, und als draussen die Realität tobte, aber weder Einlass erhielt nicht einmal begehrte, als das Schlachten kein Spiel mehr war, sondern tausend tote Körper die Felder säumten, da wurde auch der Ort vergessen. Und das Spiel war aus.

Was war möglich? Alles schien möglich! Und wurde doch erstickt von der Boshaftigkeit des Menschen. Man versuchte es mit Erziehung, doch der gute Mann wurde krank. Man versuchte es mit Zwang, ist denn das Fremde nur toleriert, wenn sein Nichttolerieren verboten ist? Doch der gute Mann starb, und der Böse übernahm, und so kam eines zum anderen.

Was ist möglich? Vielleicht zumindest und immer wieder, ein Aufzeigen, was denn möglich sein könnte, vielleicht über Jahre, vielleicht Jahrzehnte, ein Verharren in der Idee, ein Nachdenken, ein Weiterdenken, ein Öffnen in Richtungen, aber die Idee im Kopf behalten, vertiefen, vertiefen, vertiefen.

Der Taxifahrer bekreuzt sich an jeder Kapelle, die wir passieren, den Rückspiegel seiner Opel Limousine hat er mit Heiligenbildchen zugeklebt, so dass er im Straßenverkehr tatsächlich Hilfe von irgendwo oben zu brauchen scheint. Ist NSA Kirche und Zuckerberg Börse oder andersherum? Der Auftrag an Lemmy Caution lautet, ihnen das kapitalistisch Raubtierhafte auszutreiben und Intelligenz und Menschenliebe zu implementieren. Die Segnungen der Biotechnologie, und alles wäre gut.

Alles nicht. Gonio with the Wind, Kari Kris, geboren als Elinore Harris, so vertippe ich mich wieder und wieder und reihse weiter, dahin, wo das Meer so schwarz ist, wie die Seele, aber immerhin, ich habe das andere gesehen, und irgendwann werde ich davon berichten.

Winter

»Es liegt ein Grauschleier über der Stadt«
(Die Fehlfarben, Grauschleier)

»Passports expire, and so do invitations«
(L. Taylor as Ms. Goford in Joseph Losey’s Boom)

Die Maschinen rollen schwer auf das Feld. Die Stiefel sind schmutzig. Waren sie es je nicht?

Bestellt. Unbestellt. Sie werden nicht mehr gebraucht. Wurden sie je?

Mit 120 Kilometer pro Sekunde rauschen wir aufeinander zu. In einer schlingernden Bewegung. Behände gelenker Maschinentanz, gut geschmierte Scharniere, von eckig martialischer Eleganz, Programme auf Basis des Schlagzeugspiels Jacky Liebezeits. Obsolet gewordenes Wissen das.

Fliehendes Rotwild wird gestellt, gelegt, entledigt. Das letzte seiner Art, erlegt, erledigt.

Böse? – in Kategorien wie Moral und Mortalität wurde schon lange nicht mehr gedacht.

(Das Video zu WINTER ist von Heinz Emigholz.)

Celtic Ghosts…

Staubgefüllte Schüssel,
Schlucht, Schacht, Schlacht.
Voices I hear voices,
Echoes in my mind.
Die Geister, die mich riefen,
Den Sinnen schwinde ich.

Wrommm. Wer hat Sie denn ein eingeladen? Wrommm. Ohne Anzuklopfen? Wrommm. Wrommm.

Bis vor Kurzem hatten die Bewohner der kleinen Ansiedlung ihre Ruhe; der Wüstenplanet lag jenseits aller Fernverkehrswege. Aber seit der Sprengung der Erde war alles anders geworden. Im Minutentakt, ach im Sekundentakt donnerten die Schlachtschiffe vorbei. Das wenige Geschirr, was noch nicht zerborsten war, ruhte schwer festgezurrt auf dem Regal. Egal.

Tick Trick und Track hielten Onkel Donald die Augen zu; die Wunder des Jahres 2000 wollte er sehen, und nichts als ein alter Brummer donnerte vorbei. Wrommm.

(Das Video zu CELTIC GHOSTS ist von Heinz Emigholz.)

»Moth Race«

»Wo ist das Licht? Das Lichte?
Hier?
Im Hellen? Rund um die Uhr?
Im Betrieb? Das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies?
Seltswames Gluck…«

»Wo ist das Schwirren? Das
Summen? Das Schlieren?
Das Um-Her-Irren? Hier?
Im Warten? Zählst Du die Stunden? Die Runden?
Bis zum Aufruf? Das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies?
Seltswames Gluck…«

»Wo ist das Tor?
Der Ausgang?
Das Ziel?
Hier?
Nach dieser Etappe? Ein Gate –
Oder doch nur Attrappe? Lanzette, Maquette
Sagt die eine, die Kleine, sag’ nicht: ‘Meine’,
Große Füße, schwarzes Haar.«

»Und das nennst Du Glück? Das ist Dein Paradies? Seltsames Glück.«

(Das Video zu MOTH RACE ist von Heinz Emigholz.)

Gone Mustachio.

Die Schnauz

Der Schnauz ist ab.
Die alten Zöpfe.

Fallen herab.
Die Schere schnappt,

Klipp klapp!

(Jame Puri, Die Gans ist raus)

Zückt die Werkzeuge. Schleift die Herzen. Wetzt die Messer! Das Jahresende gelingt den Weltenkennern versöhnlich. Gegenich gegenüber im Spiegelbild verzweifacht, vereint.

Geschwisterdienst am Doppelgänger. Ich will Dich glatt! Un’ eben! Ich nehm’ Dich in die Mangel! On. Off. On. Off. On. Off.

Das Video zu DEADWRINGER ist von Heinz Emigholz.

Beton Beton Beton.

Fünftausend Japaner. Ein letztes verzweifeltes Aufbäumen. Fünftausend Japaner mit Bambusstöcken gegen Maschinengegenwehr. Banzai Chopstick. Fünftausend Japaner im Kugelhagel. Dahingemetzgemetzelt. Zerbrechende Jadesteine. Sie wissen im Fallen, das Land der roten Sonne steht nun offen. Von hier aus wird der Feind einfliegen. Fünftausend Jahre später. Fünftausend Essstäbchen ragen aus dem Boden. Zwischen Ziegelsteinen. Brachland. Wird nun Supermarkt genannt. Einkaufsstadt aus Küchenmöbel. Ein Hauch von Memphis. Milano (Tennessee). Ein Hauchen. Und erneutes Fallen, verlassen, Leiche ablegen.

Was war nebenan geschehen? Wer will hier noch von Freund und Feind reden. Kannst Du unterscheiden? Auf welcher Seite stehst Du? Nie auf Eurer!

Glaspyramiden über dem Schacht, den Schächten, der Schlucht, den Schluchten. Kleine Anschlagtafel, Malbrett und lustige Stiefelchen, Namen und Nummern, Staffeleien mit Bildschmuck, nüchtern gehalten, Präzision statt Wahn. Krieg ist nur eine Frage des richtigen Buchhaltens. Das Siegen zumindest.

Zurück zum Beton: Gras bricht durch. Bäume bezwingen ihn. Buschwerk und Vogelgeflatter. Trocken grüner Dschungel. Rote Sonne gehenkt. Eine Schneise wird Strasse genannt. Abgebrannt. Weggerannt. Kaiser abgedankt. Beton Beton Beton.

Das Video zu SUN ist von Heinz Emigholz.