Kreidler

The Master Precision of Electronic Music Pop

Category: Mexican Radio

Charade

Liebe heißt, an die Abwesenheit ontologischer Präskriptionen zu rühren; sie ermutigt dazu, sich blind einer Leere anzuvertrauen.

(Markus Steinweg, Aporien der Liebe, Berlin 2010)

Maskeraden und History Repeating. Und ich merke es zu spät. Vielleicht nicht zu spät, oder, das Merken spielt nicht wirklich eine Rolle, aber die Trauer, den particularly Moment genau verpasst zu haben. Vielleicht war er auch nie da – oder, ich würde lieber sagen, noch nicht da, may I?

Eine Rolle spielen im Sinne einer starken emotionalen Reaktion. Hier: call it pain.

Sample and Hold.

Dreimal. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof nach Harburg, zum Auftritt in den Phönix Hallen, und die fixe Idee, warum nicht fragen, wonna join? Und der Zug hat 2 Stunden VerspätungDie Perücke, die als einzige der angekündigten Verhüllungen blieb. Im Jaguar auf dem Weg nach Hamburg, mit AG und NP und V, und gerade die erste 12″ draußen, und das erste Mal etwaszusammengemacht mit V, also im Sinne eines greifbaren Objektes, eines Außen, zu einem Binford-Konzert in den Deichtorhallen, und der Videodreh im Auto, mit eben genau jener lilafarben Perücke. Und nun, zum Dritten, Mittelamerika, das Alles veränderte, änderte, endete. Vielleicht auch nicht. Aber das Wegsein ist ja auch immer Abenteuer und Verweile noch und Ablenkungen und Keine Gedanken Verlieren Verschwenden.

»Sie war offen für eine Sekunde.« »Dreimal.« »Nur für Dich. Und jetzt schließe ich sie wieder.« Vielleicht ist es auch nur das Grau, das sich senkt, Winter has befallen me, and I feel far from ready for that. Ich renne hin und her zwischen Holzblöcken und versuche, sie zum Singen zu bringen. Der Traum einer Freundin aus Mediterranien. Keine Musik. oν ἄπόρος. Auf ein besseres Morgen.

Wickel mich ins schwarze Shirt (the hammer of Thor)

»The thing about love is that you’re always at its mercy.«
Louise Delamere as Diane Holmes to Owen Harper (Burn Gorman)

Zurück von der Aeroplane. Zu schnell. Viel zu schnell. Wohin jetzt damit. Barenboim Klavier Schubert. Im Kreis um den Goldenen Engel. Und noch einmal. Und noch einmal. Ich finde den Ausgang nicht. Rote Blätter, gelbe, Grün dazwischen. Wickel mich ins schwarze Shirt. Auf dem Weg zum Café verliere ich die Wagenschlüssel. Nur 100 Meter. Warum. Vor und zurück. Vor und zurück. Wer ihn auflas, nenn’ ich ein’ Bösen. Mit der U-Bahn zum Ersatzschlüssel. Und eine Stunde später zurück. Der Wagen noch da, der Zettel kein reuiger Entwender sondern Protokoll. Den Polizeirufer, nenn’ ich den selben Bösen. Mehr Blätter, mehr Barenboim. Es regnet, im Wagen, der Nebel steigt, draußen treibt die Sonne ihr gleißendes Spiel. Was das jetzt soll, wer sagt es mir. Und wohin, sowieso. Cappuccino folgt auf Cappuccino. Winkt mich sanft durch den Schlaf. Immerhin das, Du verliebter Thor.

Düsseldorfjune

Schauer.

Aufgewacht. Ich wache auf und denke, ich habe Dreadlocks. Ich wage nicht, an meinen Kopf zu fassen. Ich gehe ins Badezimmer und wage nicht, in den Spiegel zu blicken. Ich gehe unter die Dusche und wage nicht, mein Haar zu waschen. Jemand hämmert gegen die Tür: »this is my room!« in der Tonlage von Sean Penn als Cheyenne in This Must Be the Place. Ich mag nicht. Rufe nur: »No, not.« Dennoch richte ich eine kleine Überschwemmung an, mein Pyjama rutscht von der Stange, und während ich ihn trockenföhne, rasst draussen Martinshorn und Blaulicht vorbei, 9:33, kurz nach Halbzehn, bremst neben dem Hotel, fährt ins Gelände, lange vor Festivalbeginn, die ersten Alkopopsleichen. Wohl.

Viel später.

Der lauteste Soundcheck ever. Zumindest gefühlt. Die Leere des Stahlwerks tut ihr Übriges dazu. Wir streichen Rote Wüste wieder von der Setliste. Die Frequenzen scheinen uns für diese Nacht nicht beherrschbar. Dafür muss ich mein unliebstes Kreidler Stück akzeptieren – die Zutaten sind alle richtig, aber das Ergebnis gefällt mir nicht; dem Publikum um so mehr.

Festivals haben strikte Zeitpläne. Unser Set dauert auf die Minute exakt die veranschlagte Stunde. Das Publikum will uns nach Kremlin Rules aber nicht los lassen. Und Detlef beginnt eine nicht-vorbereitete Zugabe. Ich spiele das Stück, was wir in Mexiko zum ersten Mal öffentlich gespielt hatten, weswegen es auch den originellen Arbeitstitel Mexiko trägt. Und freue mich über Alex’ neue Harmonien, wobei ich schliesslich bemerke, dass alle ausser mir »Mosaik« spielen; allerdings scheint die MPC einen Programmfehler zu haben, denn anstelle des zittrigen Haupt-Loops läuft das harsche Kratzen aus Rote Wüste.

Spät verlassen wir das Stahlwerk, sehen Harmonious Thelonious im Salon des Amateurs, und um 5:53 Uhr trifft Team Berlin auf Gleis 17 den ICE nach Hause.

Adam

Neun Uhr morgens ist Abfahrt. Vom Hotel aus rollen wir den Berg runter zum Bus. Der Fahrer wartet nur noch auf uns, klappt die Gepäckfächer zu und lässt den Motor warm laufen. Hastiger Abschied von Julia und Juan, unserem netten Betreuer vom Cervantino Festival. Wir quetschen uns auf die paar freien Plätze zwischen ich weiß nicht wer, Menschen jedenfalls. Manche mit Instrumentenkoffern. Michaela ist mit an Bord, Uwe ist mit an Bord. Wir versammeln uns im Mittelkreis. Die Rückfahrt verläuft angenehm ruhig, mit einem angemessenen Teil von Melancholie. Und zügig. Der Fahrer und seine strenge Beisitzerin verweigern uns den Pausenstop.

Die Hinfahrt sah ganz anders aus. Ada, Uwe, Julia und Mia an vorderster Front, Kreidler besetzten die Rückbank. Eine Stunde holpern, wenn ich die Augen schloss, wähnte ich mich im Flugzeug und erinnerte turbulente Flüge, mit der Propellermaschine von Malpensa nach Konrad Adenauer oder – nach dem Kreidler Auftritt in Donostia – der 2000 Luftlöcher-Albtraum an Bord eines Iberia Jets von Bilbo Loiuko Aireportua nach Barajas, wo Alex dann ausstieg, wir zu dritt zurück nach Deutschland flogen, und er Köln auf dem Schienenweg anpeilte. Die Bilder sind lebhaft, aber ich fühle mich sicher und geerdet. Ich beschliesse, mir ab sofort bei Unruhe im Luftraum vorzustellen, ich wäre an Bord eines mexikanischen Überlandbusses. Direkt vor uns sitzt eine Kraut- und Rübenband, drei Dreadlock- Mädels und fünf Indie-Mischmasch Jungs von Ziegenbärtchen-Glatze zu Pferdeschwanz-Schluffi, irgendwie alle schon etwas angegreist. Sie haben Musikinstrumentarium mit im Bus hat und es nicht, wie es sich gehört, im Kofferraum verstaut. Und wenn man Trömmelchen im Schoß, Flötchen an den Lippen, Akkordeon im Schritt und Gitarre in den zarten Händchen hält, Sie ahnen es schon… die letzten drei Stunden unserer fünfstündigen Busfahrt wurde zur Folklore Session. Arabische Tonleitern, jammernder Gesang und synkopisches Geklopfe. Und natürlich drehten sie sich alle vierzig Minuten um und fragten, ob das denn okay sei, ob es auch nicht stören würde. Natürlich sei es okay. Natürlich störe es nicht. Böse Menschen haben keine Lieder, natürlich. Und ich kann ja meinen Kopfhörer aufziehen. Mach ich auch. Und spiele ein paar amtliche Ballerspiele auf dem iPhone, habe meinen Spaß mit iGendyn, Soundscope und Curtis. Und dann war es plötzlich gut, als sie sich zu Rodrigos Concierto de Aranjuez zusammenrauften und dann Gitarre und Akkordeon leise in C-Dur improvisierten, aber schon leierten sie wieder los, verminderte Mollakkorde, Nudeldudel, arabische Tonleiter, was weiss ich. Und natürlich sei es okay. Wo man singt, dort lass’ dich ruhig nieder. Natürlich störe es nicht. Wir sind ja keine Kulturbolschewiken. Also sind wir natürlich schon. Was weiss ich. Was soll man sagen. Wir werden uns nie wieder sehen. Der Bus verlässt die Autobahn und rumpelt durch ein paar Tunnels in die malerische Silberstadt Guanajuato, die auf 2000 Meter Höhe an und zwischen Bergen klebt.

Wir haben einige Stunden Aufenthalt in Mexico City bevor wir zum Flughafen aufbrechen müssen. Ada bleibt noch ein paar Tage hier. Atoms Rückflug nach Chile verspätet sich um rund 6 Stunden, ist jetzt auf 3 Uhr morgens angesetzt. Wir lassen uns die Schuhe putzen, bummeln, essen und trinken, dann ist es Zeit, wir verabschieden uns von der Stadt. Thank you all.

Am Flughafen verprassen wir die letzten Peseten, die Security hört auf den seltsamen Namen Eulen, »the owls are not what they seem« denke ich. Dann ist es Zeit, die Koninklijke Luchtvaart Maatschappij N.V. wird uns nach Schiphol überführen. Sombreros verstopfen die oberen Gepäckfächer, mein Multimedia-Terminal wird neugestartet, das Essen ist die absolute absolute Katastrophe, aber hübsch designt, ich nickte eine halbe Stunde ein und träumte von gebratenen Eulen, Rotkraut und Schnapstabletten. Beim Aufwachen schiebe ich die Sichtluke etwas auf, die Sonne steht am Firmament, eine Frühstücksbox vor mir und der Landeanflug kurz bevor.

Red Band, Weihnachtsdeko und weiter gehts. Unsere Wege trennen sich, Detlef und Thomas fliegen in die Landes- wir in die Bundeshauptstadt. Morgen ist Mastering. Morgen treffe ich mich mit Andro wegen des Covers. Kein Jetlag.

Kein Jetlag. Unsere Seelen hatten es in den vergangen 7 Tagen wohl nur bis Amsterdam geschafft, wo wir sie jetzt wieder einsammeln.

Guanajuatonoviembre

Setlist:

1 Luminous Procuress
2 Zero
3 Brass Canon
4 Mexican Tea Party
5 Jaguar
6 New Earth
7 Gas Giants
8 Evil Love

On stage: 10pm – 11pm
Zuschauer, gefühlt: ca. 3.000
Zuschauer, gezählt: 5.000
Klima: abendlich auffrischend, leichte Brise, zur Nacht hin schwer abkühlend
Bühnensound: zupackend
Publikum: euphorisch bis euphorisch verwirrt
Vor uns: Atom TM
Hinter uns: Ada
Backstage: Wagon
Sonstiges: Fotos, Autogramme, ankuschelnde Fans.

P.S.: Wir essen auf der Straße. Freigabe von offizieller Seite (Julia: »Morgen fliegt Ihr ja zurück.« [Und überhaupt: die einzige Lebensmittelvergiftung, die sie in Mexiko je gehabt habe, sei in einem Restaurant gewesen und nicht von Essen auf der Straße].)

CiudaddeMéxiconoviembre

Setlist:

1 Luminous Procuress
2 Zero
3 Mosaik
4 Brass Canon
5 New Earth
6 Evil Love
7 Jaguar
8 Gas Giants
9 Kremlin rules

On stage: 10pm – 11pm
Zuschauer: ca. 2.500
Klima: kühl und windig
Bühnensound: schwierig
Publikum: großartig
Vor uns: Atom TM
Hinter uns: Ada
Backstage: Palacio de Bellas Artes
Sonstiges: Gitarre fungiert als Radioempfänger (aktive Pick-ups), Alex entscheidet sich, nur Bass zu spielen; Thomas noch angeschlagen vom Pyramidenbesuch; Fanfotos; präzises Bühnenpersonal; Julia in bester Goethelaune

Sundown

»Immer wieder Profi sein.«

(T. Djordjadze, 2000)

Julia kommt mit einer Freundin in unser Hotel. Vom Willen nach abendlichem Abenteuer beseelt; ohne mich.

Zurück aus Teotihuacán am Terminal del Norte rauschten wir sekundenschnell mit dem Sistema de Transporte Colectivo Metro die Popstrecke 3 Indios Verdes/Universidad hinunter: über la Raza (George Jones), Tlatelolco (Elena Poniatowska), Guerrero (Rebolledo) und Hijo de Algo (Frank Hopkins) erreichten wir Juárez (Wilhelm Dieterle), wo wir wieder das Tageslicht erklommen. Das heißt, Alex hatte kein Permiso und musste sich den Weg von Balderas (S. Cabañas) zurückbahnen (short message service: »Get off at Juarez, cross the street, walk to the right until Victoria then Victoria until Lopez – La Ferrolana Salon«). Nach unserem postmittäglichen Mahl zogen Detlef und ich durch die Einkaufsstrassen, passierten die frisch geschlachtete warme Hühnchenstrasse, liessen die Musikinstrumentestrasse rechts liegen (nur Behringer, Ibanez, Roland statt Aztekenpiano und Mayatheremin), näherten uns dann über die Bauteilestrasse und die Lampenstrasse dem Bekleidungszentrum, auf der Suche nach einem eng geschnittenen türkis-, flieder- oder lilablassblaufarbenen Vaquero-Hut (Andreas) beziehungsweise dunkelgrünen Schnallen– oder karmesinfarbenen Eidechsenlederschuhen (Detlef), und stärkten uns in der Bar Las Americanas, wo wir die Cerveza doppelt serviert kriegten und den Tequila bis zur Neige eingeschenkt. Noch vor 8 waren wir im Hotel.

Und es dreht sich in mir. Ich  falle ins Bett. Es dreht sich mehr. Ich schiebe es auf den Tequila. Und stürze in den Sanitärraum. Es hört nicht auf, sich zu drehen. Meine Hände zittern, mein Kopf glüht. Ich wanke zurück ins Bett. Und es dreht sich weiter. Die Nacht durch spielt auf einer Baustelle in Hotelnähe kreischendes Metal auf Metal. Ich schlafe ein und wache auf. Das Kreischen ist David Cronenbergs Crash. Das Kreischen ist wie das Geräusch der Pinzette, die den kleinen Zettel unter dem Fingernagel hervorzieht, in David Lynchs Twin Peaks. Erbarmungslos. Ein Alptraum. Das Kreischen schwingt sich immer wieder zu einem harmonischen Singen auf. Ich schlafe ein und wache auf. Die Nacht meint es nicht gut mit mir.

Um 8 Uhr morgens schleppe ich mich in den Frühstückssaal, bestelle Té Negro. Thomas schleppt sich von der Seite her an den Tisch. Die Nacht hatte es auch mit ihm nicht gut gemeint. Wir beginnen zu begreifen, dass wir weder Alkohol noch Essen verantworten können, sondern schlicht die fehlende Kopfbedeckung bei unseren Pyramidengang.

Die Sonne hatte es gut mit uns gemeint. Zu gut. Heute abend ist Konzert. Auweia. Aber dann doch: Immer wieder Profi sein.

Pyramyths

»Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.

Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;

Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.«

(Friedrich Schiller, An die Freude.)

Julia gibt uns eine Wegbeschreibung: Linienbus ab Gare du Nord, Kopfbedeckung nicht vergessen. Alex setzt sein Original Brian Johnson Käppi auf, ich werfe mich in meine schwarze Carharrt Kapuzenjacke.

Die Ruinenlandschaft von Teotihuacán ist unbeschreiblich. Am besten man setzt sich auf die Treppenstufen und lässt den Ort wirken. Es sind wohl viele Besucher da, aber die verlaufen sich auf dem riesigen Areal. Wie die Menge an Kunsthandwerksverkäufern.

Eine Gruppe fröhlicher Archäologen radelt von ihrer Mittagspause kommend vorbei. Man kann die Treppenstufen auch nach oben steigen, dann auf der Kuppe der Sonnenpyramide, auf halber Höhe der Mondpyramide oder an der Straße der Toten auf der kleinen Pyramide beim Tempel des Quetzalcoatl schwindelnd im Haltlosen nach Halt suchen, atemlos nach der dünnen Luft schnappen, die wir Nullmeter über dem Meeresspiegel Bewohner wirklich nicht gewohnt sind. 

Der Wind weht lau, der Himmel scheint blau, die Sonne strahlt. Ein Teppichhändler hält seine Ware mit ausgebreiteten Armen wie ein Flugtier. Ein Flötenverkäufer spielt den vierten Satz aus Beethovens neunter Symphonie. Die Ebene verwandelt sich von Jodorowsky zu Buñuel zu Pasolini. Tatsächlich ein magischer Ort.

Caballo negro

»If you want to ride«
(Laidback, White Horse)

Aide führt uns aus. Wir hatten uns nicht wirklich erfolgreich durch diverse Plattenkisten gewühlt, keine mexican cosmic Extravaganza, keine experimentelle Mittelamerika Elektronik aus den 60ern, keine Jodorowsky-Soundtracks; mühsam nährten wir uns von Munichdisco, Rumblefish (feat. Stan Ridgeway), Beatles und Arthur.

Wir schlenderten von Notting Hill Gate Richtung Portobello Road in das schicke Viertel Roma, ruhig, ordentlich gentrifiziert, mitten in Cuauhtémoc. Treffpunkt ist Parque Mexico, Colonia Hipódromo, Alex Karte besteht auf den Namen Parque San Martín, an der Fontäne, die just in dem Moment ihr Sprudeln einstellt, wo wir uns auf einer Parkbank niederlassen. Wenn es eines Zeichen bedurft hätte. Wir brechen also wieder auf, und ein paar hundert Meter weiter unter einem unscheinbaren Springbrunnen wartet Aide.

Dehydriert und mit verstaubter Seele (wir) kämpft sie (Aide) uns an der strengen Tür in ein brutal posches Japanisches Restaurant hinein, dem einzigen Ort in der näheren Umgebung, der nicht Cafe Latte, Croissant oder Organic-food serviert, sondern Alkoholika und darüber hinaus in einem über-lounge-igem Speisesalon die Kombination Zigarette mit Cerveza erlaubt. Ein paar Indios und Centenario platas später (Aide hatte begonnen, uns in das Geheimnis des guten Tequila einzuführen, der uns einen Erlebnishorizont von Kirschwasser zu Grappa zu ჭაჭა zu Brandy eröffnen wird) ist es an der Zeit, ins benachbarte Colonia Condesa zu wechseln, wo sich Jungvolk, Künstler und Musiker bevorzugt niederlassen und/oder rumtreiben, und wo uns ein schmuckes kontinentales Lokal erwartet. Wir dinieren mit einer Freundin Aides und ihrem Sohn – Aides Patenkind –, einem deutschmexikanischen 14jährigen Jungen mit Quantenphysikervater, einem wachen, äußerst hübschen Jungen, der eine leichte Melancholie im Gesicht und in seiner Stimme trägt, der gerade ein Instrument nach dem anderen lernt, und die besten Vorraussetzungen hat, ein Bryan Ferry, zumindest aber Spandau Ballet, zu werden.

Wir enden im Caballo Negro, einer Kneipe für junge Menschen. Alter Affe Rock. Peter Jacksons Bad Taste wird projiziert, die Musik ist Britpop, Mitte 90er Britpop, etwas langweilig. Auf die Dauer etwas mehr als nur etwas langweilig. Etwas Nervenzerrend. Aber wir sozialisieren uns. Auch mit den residents. Der Dj wechselt. Die Musik bleibt Britpop. Mitte 90er Britpop. Lief Verve nicht gerade eben schon? Stücke wiederholen sich. Mittlerweile schon ziemlich nervend-zerrend. Über den schorfigen mp3 Sound mag ich auch nicht mehr weghören. Es ist weit nach Mitternacht, Aide nimmt uns mit zu ihr nach Hause, ihre vier Hunde haben einen ordentlichen Schlamassel verursacht, der Taxiruf reagiert nicht, wir halten wie immer eines auf der Straße an, werden vergewaltigt, ausgeraubt, gevierteilt und fallen im Hotel ins Bett.

¡demonios!

»Der Tod eines einzelnen Mannes ist eine Tragödie,

der Tod von Millionen nur eine Statistik.«

(იოსებ ბესარიონის ძე ჯუღაშვილი)

Julia hatte uns erzählt, am Abend zuvor, als sie uns 100% Agave azul nachschenkte und dazu gekühlte Faros con filtro mentol aus der Suspiro Esmeralda Blechdose reichte, die Gedenkstätte sei in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung. Wir ließen auch heute den Metrobús stehen und entern ein Taxi. Ruhig und zügig, wofür es im Niederländischen das schöne Wort rustig gibt, chauffiert uns der Fahrer nach Coyoacán, der früheren Stadt der Kojoten, heute eingemeindet in el D.-F. Unser Ziel ist das Museum Лев Давидович Бронштейн, besser bekannt als Троцкий. Es ist ein Feiertag, bis auf die ständig präsente martialisch bewaffnete Polizei sind die Straßen ziemlich leergefegt. Wir halten die Telefone ans Glas und filmen die Aneinanderreihungen ein- bis zweigeschössiger Häuser. An der Ecke Diego Rivera/ Frida Kahlo, am roteingefassten blauen Haus, lassen wir uns absetzen und gehen den Rest des Weges zu Fuß. Ein schmuckes Viertel mit kleinen Häuschen und kontinentalen Straßennamen. Über Berlin und Wien erreichen wir die Avenida Río Churubusco. Wir sind dehydriert, unsere Seele ist staubig. Das Restaurant am Wegesrand wurde durch polizeiliche Verfügung geschlossen informieren monströse Anschläge an allen Fenstern. Clausurado por violar la ley. Im Museum gibt es sicherlich ein Café.

Ein kleines Schild oben an der Mauer: Trotsky casa-museo. Calle Viena Z.P. 21. Auf der Suche nach dem Eingang umwandern wir die Festung. Das Museum ist schlicht. Von angemessen nüchtern bis zu traurig einfach – wo dann sichtbar Geld fehlt. Vitrinen, Fotographien, replizierte Dokumente. Die Präsentation könnte gnadenloser sein, wo sie oft liebevoll ist. Wo dann eben Geld fehlt. Detlef will schiefhängende Bilder geraderücken, aber wir befürchten eine Kettenreaktion Vicco von Bülowschen Ausmaßes. Traurige Rahmungen. Das Kino ist leider geschlossen. Wir gehen vom Archivraum hinüber in das eigentliche Wohnhaus.

Die Gartenanlage ist wunderschön. Das Haus auch. Die Anlage hat durch die umschliessenden Mauern und zugemauerte Fenster etwas Schloßähnliches. Natürlich eine Trutzburg gegen den anrennenden Stalinismus. Der sich dann, schlau wie der Fuchs war, einfach einheiratete und den Eispickel in der Handtasche mitführte.

Die Küche, das Bad, Edisons Dictaphone, Schreibtisch und das Sekretärszimmer, wir werden ordentlich auf Abstand gehalten. Hier ein offensichtlich neues Besucherleitsystem, Absperrungen aus Glas und Metal, das Interieur wird zum Zoo, Krokodile schnappen nach uns. Vielleicht hätte der Architekt auf Hausmuseen in anderen Ländern blicken sollen: Schwarzwaldhüsli, ზაქარია ფალიაშვილის ბინა, oder – von London lernen, heisst Siegen lernen – Freud Museum, Sir John Soane’s, George Frideric Handel House…

Dennoch sind wir beeindruckt. Und auch hier befällt mich Unwohlsein. Aber ein anderes als auf dem Friedhof. Ich gehe durch die Räume, in denen Leo Trozki ermordet wurde. Und mit ihm und in Folge all seine Verwandtschaft. Seasons of Glas, da liegt seine Brille, sein Gehstock und sein Sonnenhut, da stehen seine Schuhe, im Badezimmer hängt seine Kleidung. Das Bett ist gemacht, der Topf steht auf dem Herd. Und wie immer, wie den Theoretiker und Autoren zusammen denken mit dem gnadenlosen Schlächter.

Die Cafeteria ist geschlossen. Davor nur ein bunt geschmückter Altar, der Betreiber scheint verstorben zu sein. Wir sitzen noch etwas vor den leeren Kaninchenställen, dann kaufe ich die kleine Katalogbroschüre. Wir fragen den Sicherheitsmann am Eingang nach einem Café in der Nähe. Alles zu heute, antwortet er. Dann stoppen wir einen Wagen, im Taxi läuft eine Kassette mit nachdenklicher Klaviermusik, wie ein unbekannter Release auf Lome Arme, denke ich, und nach einer äusserst angenehmen, ruhige Fahrt, sind wir zurück auf der Paseo de la Reforma.